Schuften bis zum Tod

4. April 2011, 06:57
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Der Japanologe Roland Domenig über die japanische Arbeitsmoral und warum die Belegschaft des Katastrophen-AKWs immer noch hinter Tepco steht

Die Japaner gelten als Arbeitstiere, gleichzeitig steigt die Zahl der Karoshi-Opfer – Menschen, die sich zu Tode schuften. Was die Arbeitsmoral der Japaner von anderen Kulturen unterscheidet, weshalb die Produktion im Inselstaat dennoch nichts Einzigartiges ist und warum die Belegschaft von Tepco, dem Betreiber des Katastrophen-AKWs in Fukushima, weiterhin zu ihrem Unternehmen steht, erkärt der Japanologe Roland Domenig im derStandard.at-Interview.

derStandard.at: Wie lässt sich die Arbeitsmoral in Japan charakterisieren?

Roland Domenig: Die japanische Arbeitsmoral kann man am ehesten als protestantische Arbeitsmoral bezeichnen, und die ist höher als die katholische. Im christlichen Glauben heißt es ja, „Arbeit ist Strafe" – die Vertreibung aus dem Paradies war im Grunde nichts anderes. In Japan wird Arbeit nicht als Last gesehen, sondern als Aufgabe und die Möglichkeit, sich einzubringen und zu verwirklichen. Die Japaner definieren sich oft stark über die Arbeit. Das Bewusstsein, Teil eines Ganzen zu sein, ist sehr ausgeprägt, Identifizierung und die Entwicklung von Stolz für ein bestimmtes Unternehmen zu arbeiten, sind die Folge.

derStandard.at: Bei den Mitarbeitern von Tepco wird das kaum der Fall sein.

Domenig: Man kann sicher sein, dass die meisten Mitarbeiter über die Vorgehensweise des Unternehmens entrüstet sind, dennoch stehen sie loyal zu ihrer Firma und versuchen, den Karren noch irgendwie aus dem Graben zu holen.

derStandard.at: Man hört häufig, Japaner schuften sich zu Tode. Karoshi heißt das Phänomen auf japanisch. Mythos oder Wahrheit?

Domenig: Diese Fälle gibt es tatsächlich und sie treten regelmäßig auf. Sie sind aber nicht repräsentativ für die Arbeitsethik in Japan. Vergleichswerte gibt es ebenfalls nicht, denn in keinem anderen Land werden solche Statistiken erhoben. Lange Zeit versuchte man in Japan, das Phänomen zu negieren, da die Gründe für die Todesfälle schwer nachvollziehbar sind. Es kommen ja immer mehrere Faktoren zusammen, wie beispielsweise ungesundes Essen oder Stress und so weiter. Mittlerweile gibt es eine bestimmte Norm, die Krankheits-Kriterien festlegt, die zum Tod durch Überarbeitung führen. Die Hinterbliebenen erhalten in diesem Fall zeitlich befristete Unterstützungszahlungen. Das heißt, der Arbeitgeber übernimmt ein Stück Verantwortung.

derStandard.at: Seit wann werden Karoshi-Opfer vom Staat anerkannt?

Domenig: Die ersten offiziellen Fälle gab es in den 1990er Jahren nach dem Platzen der Internet-Blase. Die Angst um den Arbeitsplatz nahm deutlich zu, viele Privilegien wurden abgeschafft. So galt in Japan lange Zeit in den großen Firmen das Prinzip der lebenslangen Arbeitszeit. Der Gehalt stieg mit der Länge der Zugehörigkeit im Betrieb. Das hatte nun ein Ende, dafür konnten aber Kündigungen vermieden werden. Die kleinen Betriebe, die den großen sozusagen als „Puffer" vorgelagert sind, haben Krisen immer am meisten zu spüren bekommen. Der Druck, noch mehr zu arbeiten, wuchs.

derStandard.at: 2007 wurde ein Gesetz verabschiedet, das Unternehmen verpflichtet, höhere Zuschläge auf Überstunden zu zahlen bzw. den Mitarbeitern ab einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden einen Tag freizugeben...

Domenig: Die japanische Wirtschaft baut auf einer Dualstruktur auf: Auf der einen Seite gibt es die großen Unternehmen, die stark im Blick der Öffentlichkeit stehen, auf der anderen – weitaus größeren – Seite stehen die Klein- und Mittel- bzw. Familienbetriebe. Hier gelten andere gesetzliche Regelungen bis hin zu unterschiedlichen Sozialleistungen.

derStandard.at: In einer Übergangszeit von 1988 bis 1993 wurde die wöchentliche Arbeitszeit von 44 auf 40 Stunden reduziert. Wird diese Bestimmung von den Arbeitgebern umgesetzt?

Domenig: Auch diese Bestimmung betrifft in erster Linie Groß-Unternehmen. Ein kleiner Familienbetrieb wird den Schalter nach 40 Stunden nicht umlegen. Selbiges finden wir genauso in Österreich. Aufträge müssen erledigt werden, sonst würden Folgeaufträge ausbleiben.

derStandard.at: Einer Statistik zufolge arbeitet jeder Japaner 1.802 Stunden im Jahr, in Deutschland sind es 1.372.

Domenig: Diese Zahlen sagen nicht viel aus. In der japanischen Arbeitswelt haben wir es mit einer vertikalen Hierarchie zu tun. In großen Firmen arbeiten die Menschen gemeinsam mit dem Vorgesetzten meistens in Großraumbüros, was natürlich bestimmte Kontrollmechanismen bedingt. In der Regel bleiben die Untergebenen mindestens so lange im Büro wie der Chef. Lange Arbeitszeiten lassen aber nicht unbedingt auf höhere Produktivität schließen. Bei einem genaueren Blick wird man die Angestellten auch beim Zeitunglesen sehen – was natürlich, Stichwort Bildung und Informieren -, Teil der Arbeit sein kann. Allgemein kann man sagen, dass die Arbeitszeiten in Japan nur geringfügig länger sind als in Europa, die Produktivität in etwa gleich.

derStandard.at: Gekündigte Japaner gaukeln ihren Familien schon einmal vor, immer noch zur Arbeit zu gehen. Mit Anzug und Aktentasche sieht man sie dann tagsüber im Park. Wieso schämen sich viele Menschen bei einem Jobverlust?

Domenig: Die Japaner identifizieren sich sehr stark mit ihrer Arbeit und dem Arbeitgeber. Darüber hinaus herrscht ein hohes Maß an Loyalität. Man hört tatsächlich immer wieder davon, dass Gekündigte Probleme haben, sich selbst diese Tatsache einzugestehen, erst recht ihren Familien. Für einige ist der Jobverlust ein großes psychologisches Problem, der Regelfall ist es allerdings nicht.

derStandard.at: Die Arbeitslosenquote lag im März bei 4,9 Prozent...

Domenig: ...Es gibt kein Land, das nicht versucht, die Zahlen zu schönen. Österreich macht es durch Schulungen, in Japan scheinen Tagelöhner nicht in der Arbeitslosenstatistik auf, sobald sie auch nur einige wenige Tage im Monat gearbeitet haben. Darüber hinaus ist die Zahl an prekären Arbeitsverhältnissen in den letzten zwanzig Jahren stark gestiegen, was letztlich auch mit der Struktur der Gewerkschaften zu tun hat.

derStandard.at: Seit 1993 leidet Japan unter einer Rezession. Etwa seit demselben Zeitpunkt halten öffentliche Verwaltungsgebäude und Banken am Samstag geschlossen.

Domenig: Seit den 1920er Jahren herrschte der Mythos, die Firma kümmere sich um alle Belange der Arbeitnehmer. Mit Beginn der Rezession nahm dieser ein ziemlich abruptes Ende – nun standen die Renditen im Vordergrund. Durch die Rezession gingen zudem Arbeitsplätze verloren, andererseits waren die erwähnten Institute gezwungen, ihre Kosten zu reduzieren. Jedes geschlossene Gebäude spart Energiekosten. Außerdem wollte man den Beamten damit mehr „Quality time" zugestehen. Gleichzeitig wurde auch die Fünf-Tages-Schule eingeführt, um auch den Kindern mehr Freizeit zu gönnen. Allerdings gehen diese Kinder jetzt vermehrt in Nachhilfeschulen – vorwiegend samstags.

derStandard.at: Gesetzlich stehen dem japanischen Arbeitnehmer vier Wochen Urlaub im Jahr zu, die Krankenstände liegen laut offiziellen Angaben bei einem Prozent. Wie sieht die Realität aus?

Domenig: Es ist in Japan schwer denkbar, vier Wochen im Stück der Arbeit fern zu bleiben. Meistens werden mehrmals im Jahr drei, vier Urlaubstage konsumiert, auf die gesamten vier Wochen kommt aber kaum jemand. Urlaub hängt stark von der aktuellen Konjunktur ab – es ist durchaus üblich, in Krisenzeiten Krankenstände als Urlaub zu deklarieren. „Krankfeiern", wie man das in Österreich kennt, gibt es nicht.

derStandard.at: Derzeit hört man immer wieder von Unternehmen, die sich weigern, ihren Angestellten vor dem Hintergrund der Katastrophen in Japan freizugeben. Wie stark ist der Druck tatsächlich?

Domenig: Solche Unternehmen gibt es mit Sicherheit, andere Arbeitgeber sind sich aber auch der Situation ihrer Angestellten bewusst und geben ihnen Extra-Urlaub. Japan ist ein hoch technologisiertes Land. Viele Arbeiten lassen sich daher auch von zu Hause am Computer verrichten. Andererseits ist der Japaner ein sehr loyaler Mensch – ihm ist sehr wohl bewusst, dass andere seinen Job verrichten müssen, wenn er ausfällt. Insofern kehren die meisten sehr bald wieder an ihren Arbeitsplatz zurück, anstatt bei ihren Familien zu bleiben. Es gibt aber auch Firmen, beispielsweise am Stadtrand von Tokio, die derzeit von Energieausfällen betroffen sind und gar nicht anders können, als der Belegschaft frei zu geben. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 4.4.2011)

Roland Domenig ist Japanologe und Universitätsassistent am Ostasien-Institut in Wien.

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    Roland Domenig: "Die Japaner identifizieren sich sehr stark mit ihrer Arbeit und dem Arbeitgeber. Darüber hinaus herrscht ein hohes Maß an Loyalität."

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