Letzter Schlagabtausch im Tierschützerprozess

31. März 2011, 18:22
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Der Tierschützerprozess in Wiener Neustadt geht in die Schlussphase. Bei der Befragung der letzten Zeugen am Donnerstag wurde noch einmal lange diskutiert, ob die angeklagten Tierschützer auch Tiere gequält haben.

Wiener Neustadt - "Hatten Sie schon einmal ein Kannibalismusproblem?", wird der Zeuge vom Angeklagten befragt. Jener antwortet zögerlich, aber doch: "Sicher. Ja." Ob er 2008 ein "Kannibalismusproblem" gehabt habe? "Ich glaube nicht", überlegt der Zeuge. Also im Detail: "Gab es 2008 Schwanz- und Ohrenbeißen?" Der Zeuge: "So viel ich weiß, gab es das damals bei mir nicht."

"Bei mir" heißt in diesem Fall "in meinem Betrieb" - denn der Zeuge ist Schweinezüchter. Und die Angeklagten im Wiener Neustädter Tierschützerprozess müssen beweisen, dass eine Aktion im März 2008 - bei der Schweine im Betrieb des Zeugen befreit worden waren - keine Tierquälerei war. Denn genau das wirft ihnen die Anklage vor. Die Angeklagten betonen, nach der Befreiung sei es den Schweinen sicher besser gegangen als im Stall.

Aber nach der Befreiungsaktion lagen drei tote Schweine im Hof. Der Betriebschef "sagt, die Schweinderln haben gelebt", während der Drittangeklagte erklärt, "die Schweinderln waren schon vorher tot", fasst Richterin Sonja Arleth zusammen.

"wiederholen, wiederholen, wiederholen"

Das war schon einmal Thema in diesem nun schon über ein Jahr lang sich dahinziehenden Prozess. "Man will das offenbar wiederholen, wiederholen, wiederholen", seufzt die Richterin einmal.

Der Schweinezüchter sagt, er sei Sonntagvormittag in den Ställen gewesen - da hätten alle Tiere gelebt. Die Befreiung fand in der Nacht zum Montag statt - und die Tierschützer zeigen Bekennerfotos mit toten Tieren, die sie schon in der Nacht zum Montag bekommen hätten. Diese wurden bei Tageslicht aufgenommen - das wäre demnach Sonntagabend gewesen.

Um Bekennerschreiben ging es am Donnerstag auch schon vorher - nämlich über das heftig umstrittene linguistische Gutachten von Wolfgang Schweiger, mit dem er diese Schreiben dem Hauptangeklagten Martin Balluch zugeordnet hatte.

Richterin Arleth lehnte sämtliche Anträge ab

Richterin Arleth lehnte die von der Verteidigung geforderte Enthebung Schweigers wegen Befangenheit Donnerstagfrüh endgültig ab. Fügte dann allerdings hinzu: "Der Sachverständige war aber nicht ausreichend in der Lage, die aufgezeigten Unschlüssigkeiten aufzuklären - er wird nicht mehr zur Hauptverhandlung geladen."

Es dauert ein paar Minuten, bis das, was die Richterin da gerade gesagt hatte, bei Staatsanwalt Wolfgang Handler sickerte. Dann aber meldete er sich umgehend zu Wort und forderte die Erstellung eines neuen Gutachtens. Sonja Arleth lehnte dies ab - worauf Handler sich vorbehielt, Nichtigkeit anzumelden.

Da läuteten bei der Verteidigung die Alarmglocken: Jetzt forderte auch Verteidiger Josef Philipp Bischof ein neues Gutachten. Richterin Arleth lehnte sämtliche Anträge ab und kündigte an, dies bei der Urteilsverkündung näher zu erläutern.

Denn das Beweisverfahren im Tierschützerprozess neigt sich dem Ende zu - als Nächstes stehen bereits die Schlussplädoyers auf dem Programm. Das Urteil wird Anfang Mai erwartet. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 1.4.2011)

  • Schweine im Stall - spätestens dann, wenn sie beginnen, sich gegenseitig
 
anzuknabbern, ist das ein Alarmzeichen, dass sie schwer unter Stress 
stehen.
    foto: apn photo/matthias rietschel

    Schweine im Stall - spätestens dann, wenn sie beginnen, sich gegenseitig anzuknabbern, ist das ein Alarmzeichen, dass sie schwer unter Stress stehen.

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