"Ich hoffe, Bon Jovi macht das auch"

1. April 2011, 17:01
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Dave Grohls Band Foo Fighters hat ihr neues Album "Wasting Light" in der Garage aufgenommen: Old School mit Bandmaschine, an der Butch Vig saß

Eine Begegnung mit dem früheren Schlagzeuger von Nirvana.

Wien/Berlin - Dave Grohl gähnt und entschuldigt sich: "Sorry, man, aber reden macht mich müde, mehr als live spielen."

Dave Grohl - Vollbart, lange Haare, breites Grinsen - liegt hingestreckt in einer Luxussuite eines Berliner Hotels. Reden muss er, weil nächsten Freitag das neue Album seiner Band Foo Fighters erscheint. Wasting Light heißt es und ist das siebte Studioalbum der 1994 gegründeten Band.

Mit den Foo Fighters trat der heute 42-Jährige damals die Flucht nach vorn an. Zuvor war er Drummer der Grunge-Superstars Nirvana gewesen, nach dem Suizid von Kurt Cobain beschloss er, selbst Frontmann zu werden, um einem Dasein als "der Drummer von Nirvana" zu entgehen. Er veröffentlichte sein erstes Album mit Songs, die er noch zu Nirvana-Zeiten geschrieben und geheim auf Kassette aufgenommen hatte.

In den 16 Jahren seit damals sind die Foo Fighters zu einer der erfolgreichsten Rock-Bands des Planeten geworden, Grohl gilt als Mister Nice Guy des Heavy Rock. 2008 spielten die Foo Fighters vor 85.000 Menschen im Londoner Wembley Stadium. Wie fühlt es sich an, sich plötzlich mit Bon Jovi den Arbeitsplatz zu teilen?

Dave Grohl: "Dinge ändern sich. Wenn ich vor 85.000 Leuten stehe, ist es mein Job, sie in den nächsten zwei Stunden glücklich zu machen. Ich hoffe, Bon Jovi macht das auch. Es ist aber hart, sich nicht seltsam zu fühlen, wenn man in der Mitte eines vollen Stadions steht und alle Augen auf sich spürt. Aber was wir tun, wenn wir einmal begonnen haben, ist dasselbe, was wir in Clubs tun. Uns ist es wichtig, dass die Leute das Gefühl haben, wir sind wie sie: bloß ein paar Langhaarige mit Tattoos, die laute Rockmusik spielen."

Wo geht man hin, wenn man ganz oben war? Zurück in die Garage: Dort wurde Wasting Light aufgenommen: analog auf Band. Am Aufnahmegerät saß Butch Vig, der einst Nirvanas Durchbruchsalbum Nevermind produziert hatte.

Grohl: "Mein liebstes FooFighters-Album ist das dritte, das ich in meinem Keller aufgenommen habe. Es hat einen warmen, einfachen Sound. Ich konnte nicht zehn Gitarren aufnehmen, so viele Spuren hatte ich gar nicht. Für die letzten Alben verwendeten wir Computer und Pro Tools. Das war okay, aber für das neue Album wollte ich das nicht. All die kleinen Tricks nehmen etwas von der Performance weg. Ich dachte, wir können doch alle zusammen in einem Raum spielen und aufnehmen. Warum reicht das nicht? Es hat bei Little Richard gereicht. Oder bei den Beatles."

Ein Song für Kurt Cobain

Neben Butch Vig trifft man andere alte Bekannte auf dem Album, etwa Krist Novoselic, den Bassisten von Nirvana, der beim Song I Should Have Known derb Bass spielt: "Wenn etwas richtig böse lärmt, kommt normalerweise ein Computermensch gelaufen und bereinigt das. Dieses Mal nicht. Mich hat es sehr gefreut, dass Krist für I Should Have Known Bass spielt. Seit es uns gibt, fragen mich Fans, ob dieses oder jenes Lied von Kurt Cobain handelt. I Should Have Known ist nun tatsächlich das erste Lied, bei dem ich nur an Kurt dachte."

Ein anderer Gast ist Bob Mould. Mould war einst Gitarrist bei Hüsker Dü, einer Band, die Grohl als wichtigen Einfluss für sich und Nirvana angibt.

"Wir wurden einander in Washington vorgestellt, und ich war echt nervös, denn es war klar, wie viel Nirvana Hüsker Dü verdankte. Bob ist eine amerikanische Ikone. Ich sagte, ich schulde dir eine Menge. Er lächelte nur und sagte: 'Ich weiß.' Dann tauschten wir Telefonnummern, das war's. Bei dem Song Dear Rosemary dachte ich, es wäre schön, das mit Bob gemeinsam zu singen. So auf Call and Response, einen Hardcore-Gospel. Es war unglaublich: Wenn er zu singen beginnt, ist es nicht mehr dein Song, es wird seiner".

Hüsker Dü nennt Grohl auch im Umgang mit Erfolg ein Vorbild. "Hüsker Dü zählten zu den ersten Punkrock-Bands, die zu einem Major gingen. Und sie machten weiter diese laute, wunderschöne Musik. Das zeigte uns, man kann sich selbst treu bleiben."

Die Aufnahme des neuen Albums wurde in der Film-Doku Foo Fighters: Back and Forth festgehalten. Diese Doku rollt die Biografie der Foo Fighters neu auf. Wie war das, die eigene Geschichte noch einmal abzuwandern?

"Das Seltsamste war, Bandmitglieder über Momente unserer Biografie sprechen zu hören, die ich ganz anders wahrgenommen habe. Aber es geht ja nicht immer nur nett zu in einer Band. Manchmal betrachtete ich mich wie einen Fremden, manchmal schien es, als würde ich gewisse Momente noch einmal erleben. Aber am nächsten war mir die Arbeit am neuen Album, ich schaue lieber nach vorn als zurück."

Die Schuldfrage

Dann folgt ein kleiner Monolog, warum Grohl das Thema Nostalgie nicht mag. Es ende immer bei der Schuldfrage, beim vermeintlichen Verrat an der Musik, den Erfolg angeblich immer bedeute. Das hänge ihm seit bald 20 Jahren zum Hals heraus.

"Als wir mit Nirvana groß wurden, war es nicht, weil wir berühmt sein wollten. Wir waren froh, dass viele Leute die Musik hören wollten, die uns so wichtig war. Ich konnte meiner Mutter helfen, ihr Haus abzubezahlen. Ich konnte mir mein erstes Auto leisten. Einfache Dinge wie diese. Deshalb verspürte ich nie so etwas wie Schuld. All unsere Freunde freuten sich mit uns: Wow! Nirvana bei Saturday Night Live! Cool! Kurt hat damit größere Probleme gehabt, aber man muss diese Schuldfrage hinter sich lassen, sonst quält einen das bis zum Krebs."

Da bricht er ab, schaut aus dem Fenster - ins Nirwana? - um mit einem Grinser wiederzukehren: "Hey! Danke, jetzt bin ich wieder wach." No bitte. (Karl Fluch, DER STANDARD - Printausgabe, 2./3. April 2011)

"Foo Fighters: Back and Forth" läuft am 7. 4. im UCI Kinowelt Millennium City in Wien und im Annenhof-Kino in Graz

  • Dave Grohl bei der Arbeit. Am 8. April erscheint das neue Album seiner 
Band Foo Fighters: "Wasting Light".
    foto: sony

    Dave Grohl bei der Arbeit. Am 8. April erscheint das neue Album seiner Band Foo Fighters: "Wasting Light".

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