Harz soll havariertes AKW Fukushima abdichten

31. März 2011, 10:16
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Kunstharz soll die weitere Verbreitung radioaktiver Teilchen um das AKW Fukushima verhindern, ein Tanker kontaminiertes Wasser abpumpen - Die EU hat indes die Grenzwerte für den Import belasteter Produkte erhöht

Tokio/Wien - Im Kampf gegen die Verbreitung radioaktiv belasteter Partikel greift Japan zu neuen Maßnahmen. Die Zeitung Asahi Shimbun berichtet, dass drei der Reaktoren des havarierten AKW Fukushima mit Spezialplanen abgedeckt werden sollen. Der Nachrichtenagentur Kyodo zufolge soll ein ferngesteuertes Fahrzeug Trümmer in der Atomanlage mit Kunstharz besprühen. Durch das wasserlösliche Harz sollen radioaktive Partikel an ihnen haften bleiben. Bisher erschwerte radioaktiver Staub die Arbeiten am Krisenmeiler. Von den am AKW beschäftigten Arbeitern wird berichtet, sie seien sehr ausgelaugt, es fehle ihnen an Schlafplätzen und Decken.

Kunstharz kann die Strahlung nicht eindämmen. Dennoch hält Mario Villa vom Atominstitut der TU Wien dessen Einsatz für sinnvoll - wie auch den Plan, dass ein Tanker vor der Küste radioaktives Wasser bei Reaktor 2 abpumpen soll. Am Mittwoch wurde der zulässige Wert für radioaktives Jod-131 im Meer um das 3355-Fache überschritten.

Auch neue Messungen an Land sorgen für Wirbel. Den Messergebnissen der Umweltschutzorganisation Greenpeace zufolge weisen Orte außerhalb der Evakuierungszonen deutlich erhöhte Strahlenwerte auf. Demnach seien im 35 Kilometer vom AKW entfernten Ort Tsushima bis zu 100 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden - nach Greenpeace-Angaben wurde dort die maximale Jahresdosis für Menschen in acht Stunden erreicht. Zehn bis 100 Mikrosievert entsprechen etwa der Belastung durch ein Röntgen. Greenpeace fordert, die Schutzzone von 20 auf 40 Kilometer auszudehnen.

Über die Zukunft des AKW sind sich die Betreiberfirma und die japanische Regierung uneins: Tepco soll daran interessiert sein, Reaktor 5 und 6 wieder ans Netz gehen zu lassen. Die Regierung will die gesamte Anlage stilllegen. Allerdings ist ungewiss, wie es mit der Firma, auf die Milliardenzahlungen zukommen, weitergeht.

Höhere EU-Grenzwerte

Inzwischen werden in Europa radioaktiv verstrahlte Lebensmittel zunehmend zum Reizthema. Zündstoff birgt eine eilig erlassene Verordnung der EU-Kommission in Brüssel: Seit Montag sind deutlich höhere Grenzwerte in allen Mitgliedstaaten für radioaktiv belastete Lebensmittel aus Japan erlaubt. Die bisherigen Werte dürfen damit um das bis zu 20-Fache überschritten werden. Vorgesehen sind derartige Anhebungen in der Regel nur im Fall eines Super-GAUs in Europa, um Engpässen bei der Nahrungsmittelversorgung vorzubeugen.

Die Öffentlichkeit sei über die Schritte nicht informiert worden, klagen NGOs wie Foodwatch. Von unnötigem und skandalösem Vorgehen sprechen die Grünen. Von Ernährungsnotstand könne keine Rede sein, zumal der Importanteil japanischer Lebensmittel bei nur 0,05 Prozent liege, sagt Wolfgang Pirklhuber, Sprecher für Lebensmittelsicherheit bei den Grünen. Greenpeace sieht neben "grober Fahrlässigkeit" auch Widersprüche zum EU-Recht.

Für Milch galten bisher Höchstwerte von 370 Becquerel pro Kilo, für sonstige Lebensmittel 600 Becquerel. Künftig sind 1000 Becquerel für Milchprodukte erlaubt, und 1250 für andere Nahrungsmittel. Gewürze oder Fischöl dürfen das bisherige Limit um ein 20-Faches überschreiten. Ein höheres Gesundheitsrisiko ergebe sich daraus nicht, sagen Strahlenschutzexperten. Auch im Gesundheitsministerium spricht man von keiner Bedrohung. Abgesehen davon, dass Japans Exporte fast zum Erliegen gekommen sind. Dennoch wollen sich auch Reeder und Häfen in Europa gegen die Strahlengefahr rüsten. Rotterdam pocht etwa auf eine schriftliche Garantie für Schiffe aus Asien, dass diese nicht verstrahlt sind, wie die Financial Times berichtet.

Österreich fordert eine generelle Absenkung der Grenzwerte für verstrahlte Lebensmittel, wie es aus dem Gesundheitsministerium heißt. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit hat vor kurzem in Wien extrem geringe Konzentrationen an Jod-131 in der Atmosphäre nachgewiesen. Seit vergangener Woche wird täglich gemessen - die Werte gingen seither zurück. Direktimporte kamen bisher nur zwei von Japan nach Österreich: Die Ages prüfte beide, zu bemängeln gab es nichts. (Verena Kainrath, Gudrun Springer, DER STANDARD; Printausgabe, 31.3.2011)

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    Ein Fischstand auf einem Markt in Tokio - Lebensmittelimporte aus Japan in die EU dürfen dank eiligst erhöhter Grenzwerte um bis zu 20-fach höhere Radioaktivität aufweisen als bisher.

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