Rollende Eier unter der roten Fahne

28. März 2011, 17:04
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Bob Dylan spielt zum ersten Mal in China - Dass dies das Zeichen einer weiteren Öffnung des Landes gegen außen ist, bestreiten chinesische Künstler wie der Altrocker Cui Jian

Seine Legende wirkt auch im Reich der Mitte. Pekings Vorverkauf Mypiao. com wurde die teuersten Tickets für Bob Dylans ersten Auftritt in China schneller als die billigsten Karten los. Nicht etwa deshalb, weil es in China heute ein Menge Neureiche und graumelierte nostalgische Ausländer gibt, die vor der Bühne zu Füßen des Idols sitzen wollen. Die nur knapp 200 VIP-Karten für sein Konzert am 6. April im Arbeiterstadion waren gar nicht so teuer.

1961,411 Yuan (rund 210 Euro) kostet eine VIP-Karte. Eine Verkäuferin von Mypiao.com sagt: "Wir haben den Preis auf 1962 Yuan aufgerundet." Die krumme Zahl steht für das Datum 11. April 1961. An jenem Tag startete der damalige Robert Zimmermann unter dem Namen Bob Dylan in New York seine Karriere. Ein halbes Jahrhundert später schließt sich der Kreis. Auf seiner ersten Asientournee kommt Dylan über Taipeh am 3. April nach Peking. Am 8. April spielt er in Schanghai.

Zur Krönung aber wird sein Gastspiel am 10. April. Dann spielt Bob Dylan in Ho-Chi-Minh-Stadt, auf den Tag genau 50 Jahre nach seinem Anfang in New York. Der Vietnamkrieg hat ihn zur Kultfigur und seine Lieder zu Hymnen der Bürgerrechts- und Friedensbewegung der Jugend in den USA gemacht und seinen Weltruhm begründet.

Bob Dylans wahre Fans in China seien junge Musiker, die zu ihren "Roots", den Wurzeln ihrer Musik, vorstoßen wollen, sagt Altrocker Cui Jian. Cui Jian ist seit 25 Jahren musikalischer Wortführer für den Aufbruch der chinesischen Beat- und Rockszene. Die meisten Chinesen, die in das Bob-Dylan-Konzert gehen, hätten allerdings ganz anderes im Sinn. Sie wollten nur den berühmten Musiker, die "Legende", sehen.

Langes Warten

Die Fans in China mussten lange auf die Ankunft des Spätankömmlings warten. Seine Asientour, die in Hongkong endet, hatte Bob Dylan schon letztes Jahr machen wollen. Pekings Kulturministerium stellte sich quer. Es fürchtete nicht nur die subversive Wirkung seiner alten Protestsongs oder schob wirtschaftliche Gründe vor, wie das Propagandablatt China Daily berichtete. Vor allem saß ein Schanghaier Konzertauftritt der Popsängern Björk den Zensoren im Nacken, enthüllte die Zeitung Nanfang Dushibao. Die impulsive Isländerin hatte 2008 nach ihrem Song Independance ins Publikum gerufen, wem sie "Unabhängigkeit" wünscht: "Tibet! Tibet!".

Ausgerechnet Bob Dylan, der sich schon lange nicht mehr zu aktuellen politischen Konflikten äußert, wurde Opfer der seit dem Eklat mit Björk amtlich verschärften Regeln für ausländische Künstler. Alle, die im Verdacht stehen, die "Gefühle des chinesischen Volkes verletzen zu können", erhalten Auftrittsverbot.

Dylan fällt nicht unter die Verdächtigen. Zu diesem Schluss kam das Kulturministerium aber erst am 28. Februar 2011. An dem Tag setzte es seinen Stempel unter eine auf ihrer Webseite veröffentlichte Erlaubnis: Der Sänger "darf mit 24-köpfiger Begleittruppe von der Musikagentur Gehua eingeladen werden". Chinas Bürokraten teilten dem "Verteilerkreis" - Außenamt, Stadt Peking, Polizei, Steueramt, US-Botschaft - mit, dass sich der Sänger "strengstens an das genehmigte Programm zu halten und die Veranstaltungsregeln zu befolgen hat".

Ob Peking mit dem erlaubten Auftritt für Dylan ein kulturpolitisches Signal weiterer Öffnung setzt, wird in der Szene bestritten. Es sei kein Zeichen für mehr kulturelle Freiheit, sagt Redakteur Tuboshu von Chinas bester Rockzeitung Ich liebe Rock. Im Gegenteil: Pekings Kulturpolitik erlaube nur, eine Auslandsikone auszustellen. "Bei uns schlägt der Taktstock derzeit nach links aus." Die Trendzeitung Jingping spottet: Peking erlaube uns die Begegnung mit westlichen Gruppen, "wenn sich die Bands kaum noch bewegen können und ihre Leadsänger unter Haarausfall leiden".

So unbekannt das Terrain Asien für Bob Dylan 50 Jahre lang war, so anonym blieb der Sänger auch für die meisten Chinesen. Sie sind nicht mit seinen Songs aufgewachsen und konnten sich auch kein Bild von ihm machen. Zwei der größten Schanghaier Boulevardzeitungen blamierten sich jetzt, als sie die Meldung, dass der weltberühmte Star in Schanghai spielen wird, mit Fotos aus dem Internet illustrierten: Sie zeigten statt Bob Dylan den 78-jährigen bezopften Country-Sänger und Songwriter Willie Hugh Nelson.

Für Altrocker Cui Jian, der 2004 mit Udo Lindenberg auf der Pekinger Bühne und mit den Stones 2006 in Schanghai auftrat, ist Dylan der Inbegriff eines "cool" gebliebenen Sängers. Ein Auftritt mit ihm sei von Anfang an nicht geplant gewesen, sagt Cui Jian, der gerade am Endschnitt seines neuen Spielfilms Der blaue Knochen arbeitet. Cui Jian hat einst mit seinen zu Kultsongs gewordenen Liedern Chinas "Rock 'n' Roll auf den neuen langen Marsch" gebracht.

Chinas Rocker mussten das alleine tun. Irgendwo am Weg stand Dylan Pate. Er habe mit seinem Like A Rolling Stone die Begriffe gesetzt. Chinas Rocker, so heißt es in Cui Jians berühmtesten Lied, seien aber anders als die "Rolling Stones" - rollende "Eier unter der roten Fahne". Sie seien "zerbrechlich, doch voller Leben. Eines Tages werden wir Eier auch so hoch wie Vögel fliegen können." (Johnny Erling, DER STANDARD - Printausgabe, 29. März 2011)

  • Hat mit "Like A Rolling Stone" Chinas Musikszene auf den neuen langen 
Marsch gebracht: Bob Dylan.
    foto: mark seliger

    Hat mit "Like A Rolling Stone" Chinas Musikszene auf den neuen langen Marsch gebracht: Bob Dylan.

  • Musikalischer Aufbruch: Cui Jian.

    Musikalischer Aufbruch: Cui Jian.

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