Kinderpolitik beginnt ganz woanders

24. März 2011, 19:03
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Wer für den Alltag sorgt, egal ob Mann oder Frau, hat das Recht, die Obsorge für das Kind zu tragen - ein Kommentar von Ute Woltron

Es gehe um "Kinderpolitik", behauptet Justizministerin Claudia Bandion-Ortner, und nicht um "Frauen- oder Väterpolitik", und man möge das Thema der gemeinsamen Obsorge doch bitte "nicht zum Kampf der Geschlechter" machen. Gerne, Frau Ministerin! Gerne pfeifen wir sofort auf diesen Kampf. Denn jeder kleine Mensch hat nur einen Vater und nur eine Mutter, und in einer idealen Welt bekommt das Kind von beiden gleichermaßen, was es vor allem braucht: Viel Zeit für Liebe und Zuwendung und die größtmögliche Harmonie für das, was man "Erziehungsarbeit" nennt.

Ein Kind großzuziehen bedeutet, die größte, wunderbarste und mit Sicherheit anstrengendste Aufgabe zu meistern, die ein Mensch im Leben gestellt bekommt. Egal ob Mann oder Frau. Vernünftige Eltern wissen das, und sie richten sich auch danach. Sie versuchen, diese Aufgabe zu teilen. Egal, ob die Partnerschaft weiterbesteht oder endet. Egal, ob der Staat diese ideale Elternwelt nun dekretiert oder nicht.

Papa Staat ...

Doch die Vorstellung, Harmonie könne durch eine automatische gemeinsame Obsorge per Gesetz verordnet werden, nimmt sich nachgerade putzig aus angesichts einer in ihren Wurzeln völlig unharmonischen Männer-und-Frauen-Gesellschaft, in der beispielsweise Folgendes laut Statistik Austria immer noch der Fall ist:

Berufstätige Frauen arbeiten im Schnitt 64 Stunden pro Woche, 30 davon gehen in Haushalt und Kinderbetreuung auf. Ist man ein berufstätiger Mann, darf man sich eines deutlich geringeren Arbeitsdrucks erfreuen, die wöchentliche Gesamtbelastung erstreckt sich auf vergleichsweise magere 48,4 Stunden, bei 7,4 Stunden Zeitaufwand für Kind und Haushalt.

So weit die Statistik, Ausnahmen bestätigen die Regel. Man darf davon ausgehen, dass die Frauen ihre Männer ausgesprochen gerne teilhaben ließen an den fast drei Arbeitstagen, die sie pro Woche mehr leisten als sie. Doch von dieser Harmonie einer allumfassenden Gerechtigkeit sind wir genauso weit entfernt wie von der erstaunlicherweise deutlich weniger im Zentrum des Interesses stehenden Einkommensgerechtigkeit.

Ein Staat, der im aktuellen Europavergleich in Sachen Einkommensschere zwischen Männern und Frauen den skandalösen vorletzten Platz einnimmt, sollte wahrlich sein Gesetzesinstrumentarium an seiner Basis zur Anwendung bringen, bevor ein "Machtgefälle" zulasten der Väter angeprangert wird.

... wird's schon richten?

Es geht also doch um Frauen- und Männerpolitik. Und wenn die überwiegende Mehrheit der Kinder im Falle einer Scheidung bei den Müttern bleibt, so liegt das weniger an einer schiefen, womöglich männerdiskriminierenden Gesetzeslage als am simplen Umstand, dass sich die Mütter in den meisten Fällen ganz ohne gesetzliches Dekret immer noch deutlich mehr um ihre Kinder und um die unbedankten Geschäfte des Alltags kümmern. Wieder: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Doch meistens sind es die Mütter, die den Laden schupfen. Das sind diejenigen, die in der Nacht aufstehen, die sich bei ihren Arbeitgebern unbeliebt machen, weil sie für die kranken Kinder schon wieder Pflegeurlaub brauchen. Das sind diejenigen, die ihre Kinder zu Flötenstunden und Basketballtraining bringen, die das Essen auf den Tisch liefern und sich mit dem Wahnsinn pubertierender Halbwüchsiger herumschlagen. Wer's nicht glaubt, soll Beobachtungen an Elternsprechtagen und Kindergarteneingängen anstellen. Die überwältigende Mehrheit der dort anzutreffenden Eltern sind nicht die Väter. Wobei sich die Situation zumindest in den Städten erfreulicherweise deutlich zu bessern beginnt. Das Land bleibt diesbezüglich Entwicklungsgebiet.

Fazit: Wer für den Alltag sorgt, völlig egal ob Mann oder Frau, hat klar das Recht, die Obsorge für das Kind zu tragen und damit auch die wichtigen Entscheidungen zu treffen. Kinder kann man sich nicht "teilen" , man kann über sie nicht verfügen wie über einen Besitz. Kinder brauchen ein geborgenes Nest und kein Hin- und Hergerissensein zwischen Eltern, denen Harmonie verordnet wurde, wo keine Harmonie ist. Zur Erinnerung: Die Vernünftigen teilen sich die Aufgabe ohnehin.

Wenn Bandion-Ortner "Kinderpolitik" betreiben will, möge sie sich zuallererst dafür starkmachen, dass knapp ein Viertel aller Alleinerzieher nicht länger an der Armutsgrenze schrammt. 93 Prozent davon mit Kindern unter 15 Jahren sind Frauen, die Meinung der alleinerziehenden Männer über eine gemeinsame Obsorge steht übrigens aus.

Die tatsächlich wichtige Problematik jener Väter, die zu Unrecht von rabiaten Kindsmüttern von ihren Sprösslingen ferngehalten werden, ist gesondert abzuhandeln, sicher aber nicht über die automatische gemeinsame Obsorge. (Ute Woltron, DER STANDARD; Printausgabe, 25.3.2011)

UTE WOLTRON ist freie Publizistin und lebt als alleinerziehende Mutter - in bestem Einvernehmen mit dem Kindesvater - in Niederösterreich.

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