"Es ist wichtig zu wissen, was die Tätergeneration angetrieben hat"

25. März 2011, 10:36
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Kommunikationsforscher Hausjell über Holocaust-Erziehung ohne Zeitzeugen und darüber, ob man über Hitler lachen darf

"Ich glaube, dass uns diese Thematik noch viele Jahrzehnte begleiten wird", sagt Kommunikationsforscher Fritz Hausjell über den Nationalsozialismus. Warum nationalsozialistische Propaganda-Materialien im Unterricht eingesetzt werden sollen und warum Witze über Hitler auch eine Entlastung sein können, erzählte er Marie-Theres Egyed.

derStandard.at: Herr Hausjell, Holocaust-Erziehung basiert stark auf der Vermittlung durch Zeitzeugen. Jetzt sind wir mit der Situtation konfrontiert, dass in einigen Jahren keine ZeitzeugInnen zur Verfügung stehen werden. Was für Ansätze gibt es für die Zeit danach?

Hausjell: Wir beschäftigen uns mit der Frage, in welcher Form das Wissen von ZeitzeugInnen danach weiter vermittelbar ist. Es gab und gibt ganz gezielte Projekte, die das aufgreifen. Kurt Langbein hat beispielsweise ein DVD-Projekt gemacht, mit aufgezeichneten ZeitzeugInnen-Gesprächen und zeitgeschichtlichen Informationen, so lebendig und diskursiv wie möglich aufbereitet. Es ist ein offiziell zugelassenes Unterrichtsmittel.

Es gibt aber auch Aspekte, die ein Zeitzeuge nicht erzählen kann, weil es Prozesse betrifft, die der Person verschlossen waren. Daher ist auch ein Rückbesinnnen auf die Vielfalt der Quellen, die der Forschung zur Verfügung stehen, notwendig. Durch den Wegfall der Archivsperren haben wir deutlich mehr Zugang zu Quellen.

derStandard.at: Die historische Aufarbeitung mit ZeitzeugInnen erreicht ein breiteres Publikum als die Aufarbeitung durch Historiker?

Hausjell: Haben die Zeitzeugen mehr Publikum und Interesse gebracht? Oder ist das aus einem dialektischen Verhältnis entstanden, dass das Publikum bereit wurde zuzuhören und sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Erlebte, erzählte Geschichte kommt womöglich bei einem Teil des Publikums besser an. Das heißt aber nicht, dass das eine erfolgreicher ist als das andere. Nach der Zeitzeugengeneration gibt es möglicherweise wieder die Chance, dass auch Historiker gefragter werden. Die Rolle, wie vermittle ich Geschichte, muss wieder stärker praktiziert und reflektiert werden. Das ist aber kein Plädoyer gegen Zeitzeugen.

derStandard.at: Wie wird Zeitgeschichte am besten vermittelt?

Hausjell: Darauf gibt es nicht nur eine Antwort. Wir haben es hier mit einem dispersen Publikum zu tun, mit unterschiedlichen Gruppen, die unterschiedliches Voraussetzungen mitbringen. Daher gibt es auch unterschiedlich richtige und passende Antworten darauf. Die Geschichtsvermittlung für ein wissendes Publikum sieht sicherlich auch in Zukunft weiter anders aus als die für ein sehr breites Publikum ausgerichtete Massenvermittlung.

Die Dimension der TäterInnen ist in der bisherigen Zeitgeschichtsvermittlung wenig behandelt worden. Das ist eine wichtige Herausforderung: Wie schaffen wir in der Vermittlung die notwendige Beachtung aller Ebenen? Wir müssen das in dem Kontext des Umgangs mit Geschichte in Österreich sehen. Hier wurde über viele Jahrzehnte der Opfermythos gepflegt wurde, sodass die Täterebene ebenso vermittelt wurde. Gleichzeitig gab es auch eine Angst, dass durch die Fokussierung auf die Opferebene der Opfermythos wiederbelebt werde. ZeitzeugInnen haben fast immer die Perspektive der Opfer dargestellt. Es ist aber wichtig zu wissen, was die Tätergeneration angetrieben hat. Was sind dort die Motive und Momente? Das gibt uns auch heute im Sinne eines Lernens aus der Geschichte die notwendige Hinweise, damit wir nicht in einer gesellschaftlichen Entwicklung zu einer neuen Tätergeneration in einem anderen Kontext werden.

derStandard.at: Wie bewerten Sie die Holocaust-Erziehung an österreichischen Schulen?

Hausjell: Es gibt gute Voraussetzungen, dass es einen Geschichtsunterricht gibt, der nicht vor dem Nationalsozialismus aufhört, wie es zu meiner Zeit war. Fortbildungen und Angebote für Lehrer sind sicherlich eine gute Basis dafür. Es werden auch vermehrt Materialen eingesetzt, vor denen man sich vor ein paar Jahren noch gefürchtet hat, wie Propaganda-Materialen aus dem Nationalsozialismus.

Hier kann man der Frage nachzugehen, wieviele sind eigentlich Opfer der Propaganda geworden, welche Rolle hat sie gespielt. Das kann man eigentlich nur beantworten, wenn man sich mit den Originalmaterialen auseinandersetzt. Lange Zeit gab es ein Verbot diese Materialen zu verwenden, die einzigen die sie benutzt haben, waren Neonazis – natürlich in ihrem Sinne. Wenn man sich in der Zeitgeschichtevermittlung damit beschäftigt, kann man einen Erklärungsstrang für Verführbarkeit im Nationalsozialismus erarbeiten Auch die Frage, was konnte man wissen, bekommt dadurch mehr Bedeutung, denn die Propaganda hat auch vieles vermittelt, was im Nachhinein als geheim deklariert wurde. Gleichzeitig ist es für den Unterricht interessant, Ähnlichkeiten und Parallelen zu heute herauszuarbeiten. Dadurch ist es leichter für die SchülerInnen Geschichte zu begreifen, aber auch die Macht, die sich über mediale Inszenierungen konstituiert.

derStandard.at: Trotzdem kam es gerade in jüngster Zeit zu Vorfällen, wie in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ebensee, wo Jugendliche durch Nazi-Parolen eine Gedenkfeier gestört haben. Können solche Vorfölle durch Holocaust-Erziehung vermieden werden oder muss man akzeptieren, dass ein bestimmter Teil der Gesellschaft so denkt?

Hausjell: Akzeptieren im Sinne von Hinnehmen und nichts tun, sicher nicht. Ich glaube, dass uns diese Thematik noch viele Jahrzehnte begleiten wird. Die Vielfalt der Positionen die jemand einnimmt, ist nicht vorprogrammierbar oder verhinderbar. Für die Vorgänge wie Ebensee gibt es aber heute eine wachsamere Gesellschaft, die es in den 1950er, 1960ern und 1970ern nicht gegeben hat. Auch das Aufgreifen dieser Vorfälle durch verschiedene Medien ist dafür entscheidend.

Man muss aber bedenken, dass es auch Studien gibt, die belegen, dass nach 1945 etwa die Hälfte der Gesellschaft den Nationalsozialismus gut gefunden hat. Der Mythos der Stunde Null wird eben auch dadurch widerlegt. Es zeigt, dass der gesellschaftliche Wandel nicht mit Zäsuren zusammenhängt. Offensichtlich gab es Elemente, die in der Gesellschaft vor 1938 schon vorhanden waren, auf die der Nationalsozialismus aufbauen konnte und die auch nach 1945 zu finden waren.

derStandard.at: Welche Rolle spielen Medien heute bei der Geschichtsvermittlung?

Hausjell: Heute ist für einen modernen österreichischen Journalismus eine stärkere Beschäftigung mit zeitgeschichtlichen Themen, auch abseits der Gedenkjahre, eine Selbstverständlichkeit. Das Thema Geschichtsvermittlung ist heute etwas womit man Publikum findet. Es verkauft sich gut. Das ist für manche Medien auch ein Markenzeichen geworden, wie für Profil, aber auch Tageszeitungen wie Standard oder Presse.

derStandard.at: Wie sieht dabei die Rolle des ORF aus? Beginnt die Aufarbeitung erst mit Hugo Portisch?

Hausjell: Der ORF hat sich verhältnismäßig früh mit Zeitgeschichtsvermittlung beschäftigt. Das erste Highlight war 1961 der "Herr Karl" von Helmut Qualtinger, dieser literarische Spiegel auf die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus. Auch wenn damals das Fernsehen noch nicht die große Verbreitung hatte, war es ein Skandal.

Danach wurden verschiedene Dokumentationen im österreichischen Fernsehen gespielt, aber auch Spielfilme wie 1977 "Holocaust". Begleitend hat dazu der ORF eine Studie in Auftrag gegeben, wo die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Juden in der Gesellschaft gemessen wurde. Direkt nach der Ausstrahlung ist sie um einige Prozent günstiger ausgefallen, ein Jahr später waren wieder die alten Werte und Ablehnungen messbar. Das hat dem ORF gezeigt, dass singuläre Sendungen keine Veränderungen in der Gesellschaft bewirken können und dass gesellschaftliches Lernen etwas ist, das langsam voran geht und eine hohe Kontinuität erfordert. In diesem Kontext ist dann Österreich I und Österreich II von Hugo Portisch entstanden.

derStandard.at: Welche Rolle übernehmen heute Spielfilme, wie "Die Fälscher" oder auch "Der Bockerer" am gesellschaftlichen Lernen und im öffentlichen Geschichtsbewusstsein?

Hausjell: Wenn diese Filme, die wir in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren vermehrt wahrnehmen, nicht diesen Erfolg hätten beim Publikum, gäbe es sie nicht in diesem Umfang. Die jetzige Generation an Spielfilmen, die sich diesem Zeitrahmen widmet, beschäftigt sich vor allem mit der Perspektive der Opfer.

derStandard.at: Gleichzeitig gibt es auch viele Komödien: Darf man über Hitler lachen?

Hausjell: Da gibt es nicht nur eine Antwort. Ein Teil des jüngeren Publikums ist vom Ausmaß der zeitgeschichtlichen Aufklärung an Schulen nicht überfordert sondern übersättigt. Da braucht es auch ein Ventil der Entlastung. Das finde ich nicht weiter schlimm. Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus bringt eine emotionale Belastung, Witz und Sarkasmus helfen damit besser zurechtzukommen. Charlie Chaplin hat über seinen Film "Der große Diktator" im Nachhinein gesagt, dass er ihn niemals gemacht hätte, wenn er sich der Ausmaße des Nationalsozialismus bewusst gewesen wäre. Der Film wurde auch lange Zeit nicht gespielt, es hat die Distanz und Aufklärung gebraucht bis er als lustig und erhellend rezipiert werden konnte. Für Opfer und Angehörige der Opfer war es trotzdem schwierig das so zu akzeptieren. Je nachdem, was jemand über diese Zeit an Wissen mitbringt, haben solche Zugänge eine Funktion, aber manchmal sind sie auch völlig unpassend. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 25.3.2011)

FRITZ HAUSJELL (51) ist außerordentlicher Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien. Er ist Obmann des Arbeitskreises für historische Kommunikationsforschung und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung. Gemeinsam mit dem Verein Gedenkdienst organisiert er die Tagung "Gedächtnis-Verlust?", die am 25. und 26. März in Wien stattfindet.

  • "Es gibt aber auch Aspekte, die ein Zeitzeuge nicht erzählen kann, weil 
es Prozesse betrifft, die der Person verschlossen waren."
    foto: der standard/cremer

    "Es gibt aber auch Aspekte, die ein Zeitzeuge nicht erzählen kann, weil es Prozesse betrifft, die der Person verschlossen waren."

  • "Das erste Highlight war 1961 der "Herr Karl" von Helmut Qualtinger, 
dieser literarische Spiegel auf die Rolle Österreichs im 
Nationalsozialismus."
    foto: der standard/cremer

    "Das erste Highlight war 1961 der "Herr Karl" von Helmut Qualtinger, dieser literarische Spiegel auf die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus."

  • "Die Dimension der TäterInnen ist in der bisherigen 
Zeitgeschichtsvermittlung wenig behandelt worden. Das ist eine wichtige 
Herausforderung"
    foto: der standard/cremer

    "Die Dimension der TäterInnen ist in der bisherigen Zeitgeschichtsvermittlung wenig behandelt worden. Das ist eine wichtige Herausforderung"

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