Schlaflos in Europa

23. März 2011, 18:17
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Die Grazer Diagonale wurde mit Nikolaus Geyrhalters "Abendland" und einem Preis für Senta Berger eröffnet

Graz - Einer der schönen Aspekte von Lebenswerkpreisen: Sie veranlassen zur nostalgisch-heiteren Rückschau. So kam es, dass Senta Berger Dienstagabend beim Diagonale-Auftakt in der Grazer List-Halle kurz das Lied von der Lindenwirtin vom Donaustrand anstimmte, einem Heimatfilm von 1957, in dem sie eine frühe Rolle hatte. Nach der Kostprobe fügte sie trocken hinzu: "So war auch der Film."

Bergers charmante Dankesrede war ein Höhepunkt des Abends: Der Niedertracht und sprachlichen Verrohung, zumal in der Politik, hielt sie ein literarisches Österreich entgegen, dessen Genauigkeit und Skepsis ihr lebenslanger Begleiter war. Das "Berger-Girl" - so nannte die heimische Presse sie einst - war von der Anerkennung gerührt. Allerdings ließ die im Ausland zu Ruhm gekommene Schauspielerin durchblicken, dass die Symbolik von Preisen nicht alles überstrahlt.

Aktuelle (und oftmals ungelöste) Fragen der Digitalisierung von Film und Kino bestimmten die Eröffnungsrede von Festivalleiterin Barbara Pichler. Der Kinomarkt und damit die Beziehung zum Besucher befänden sich in einem fundamentalen Wandel: "Die Digitalisierung macht alles nur theoretisch einfacher, in der Praxis wird es komplizierter und teurer, zumindest derzeit noch." Dass dabei politischer Gestaltungswille gefragt ist, wird man in den nächsten Tagen sicher noch öfter hören: Trotz Zusagen von Kunstministerin Claudia Schmied ist etwa immer noch unklar, aus welchen Töpfen die Digitalisierung unabhängiger Kinos erfolgen soll.

Eine besonders gute Hand bewies Pichler bei der Wahl des Eröffnungsfilms, Nikolaus Geyrhalters Abendland, in dem der Dokumentarist mit einem ähnlichen Konzept wie bei Unser täglich Brot ein nächtliches Panorama Europas erstellt. Der betont offen gestaltete Film lässt viel Raum für eigene Assoziationen. Es geht weniger um eine Erkundung der Nacht als um die Ruhelosigkeit eines Kontinents entlang von zwanzig unterschiedlichen Schauplätzen. Dienstleistungen und Regulative durchdringen darin alle Lebensbereiche und jedes Lebensalter, es wird beobachtet, verwaltet, informiert und exekutiert - und es gibt immer jemanden, der hinterher saubermacht.

Spannend ist das nicht zuletzt deshalb, weil es bewusst macht, dass sich der Horizont dieser Lebensrealität kaum noch erfassen lässt. Das Ausschnitthafte wird hier zum Programm: Analogien zwischen den Szenen sind vorhanden - z. B. in zahlreichen Bildern, in denen Kameras zum Einsatz kommen -, aber kein Kommentar, nicht einmal die Montage drängt sie auf. Öfters gelangt der Film vom Bild der Masse zur Gruppe, vom Allgemeinen zum Besonderen: Im Bierzelt, bei Raves oder am Petersplatz verschmelzen Menschen zum Kollektiv, dann rückt man näher, überwindet gleichsam auch als Zuschauer seine Scheu und sieht, welcher Anstrengung es bedarf, dass eine Instanz auf die nächste folgt.

Harun Farocki hat 1990 mit Leben BRD einen verwandten Film gedreht, in dem noch hauptsächlich Simulationen, Trainings, Proben für den Ernstfall zu sehen waren. Abendland ist loser geordnet, aber nicht beliebiger, und man gewinnt den Eindruck, dass die Vermeidung des Störfalls nun unwiderruflich zu unserem Alltag gehört. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe 24.3.2011) 

 

Ab 1. April im Kino

  • Der Eröffnungsfilm von Nikolaus Geyrhalter: Abendland.
    ngf/stadtkino filmverleih

    Der Eröffnungsfilm von Nikolaus Geyrhalter: Abendland.

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