Murdochs junge Jägerin von Korruptionisten

21. März 2011, 20:02
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Claire Newell brachte mit Kollegen Ernst Strasser zu Fall

Montag war ein guter Arbeitstag für Claire Newell. Jedenfalls klingt ihre Telefonstimme so. Ungezwungen plaudert die Reporterin der Sunday Times (ST) über ihre Arbeit der vergangenen acht Monate. Am Sonntag fand sich die Untersuchung korrupter Praktiken im Europäischen Parlament auf der Titelseite des Londoner Millionenblattes wieder, abends zog der erste Beschuldigte die Konsequenz: Österreichs ÖVP-Delegationsleiter Ernst Strasser reichte seinen Rücktritt ein.

Insgesamt 60 EU-Parlamentarier hatten Newell und ihre beiden Kollegen im Insight-Team der ST im vergangenen Sommer angeschrieben: Ob sie Interesse hätten an einem bezahlten Lobby-Job? Die meisten antworteten gar nicht oder schickten Absagen, 14 Damen und Herren aber bissen an. Übrig blieben am Ende außer Strasser noch die Sozialdemokraten Adrian Severin aus Rumänien und Zoran Thaler aus Slowenien. "Das erste Gespräch mit Strasser habe ich allein geführt", erinnert sich Newell, "bei allen weiteren Terminen waren wir zu zweit."

Ohnehin betont die 30-Jährige: "Wir arbeiten als Team, da sollte man niemanden herausheben." Freilich sind nicht alle Berufskollegen so nah an der ethischen Grenze entlang balanciert wie Newell. Zu Beginn ihrer Karriere, nach einem ersten Praktikum bei der ST, ließ sie sich über eine Zeitarbeitsfirma ans Kabinettsbüro vermitteln, das im Regierungsviertel Whitehall dem Premier zuarbeitet. Mehrere Monate lang veröffentlichte die ST aus vertraulichen Regierungspapieren - bis Newell von Staatsschutz-Beamten festgenommen und intensiv verhört wurde.

Die Brüsseler Recherche sieht Newell, die kein Bild von sich hergibt, um weiter anonym arbeiten zu können, über jeden Zweifel erhaben: "Wir haben in Großbritannien klare Regeln, die verdeckte Methoden erlauben, wenn sich Korruption oder Unanständigkeit auf andere Weise nicht aufklären lassen."

Als Mitglieder des Insight-Teams stehen die Reporter in einer großen Tradition. Immer wieder macht das Flaggschiff von Rupert Murdochs NewsCorp-Verlag mit investigativen Recherchen weltweit Schlagzeilen, von der Untersuchung des Lockerbie-Attentats über britische Waffenexporte an Saddam Hussein bis zur Aufdeckung korrupter Funktionäre im Weltfußball-Verband Fifa im Vorjahr.

"Wir wollen weiter wichtige Geschichten aufdecken", sagt Newell. Die Strassers dieser Welt sind gewarnt. (Sebastian Borger, DER STANDARD, Printausgabe, 22.3.2011)

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