Dalai Lama will "nicht wie Mubarak sein"

20. März 2011, 19:55
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Mit der Wahl eines neuen Regierungschefs endete für die Tibeter am Sonntag eine Ära

Der Dalai Lama hatte trotz flammender Appelle an seiner Entscheidung festgehalten, die politische Macht abzugeben.

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Als der Dalai Lama vor zwölf Tagen verkündete, er werde seine politische Macht abgeben, musste Lobsang Sangay erst einmal kräftig schlucken: "Wow, habe ich gedacht. Diese gigantischen Schuhe wird niemand ausfüllen können." Sangay könnte nun der politische Erbe des Dalai Lama werden: Am Sonntag waren etwa 85.000 wahlberechtigte Exil-Tibeter weltweit aufgerufen, einen neuen Regierungschef, Kalon Tripa genannt, zu wählen. Und der 43-jährige Jurist gilt als Favorit unter den drei Kandidaten.

Doch noch sträuben sich die Exil-Tibeter dagegen, den Dalai Lama ziehen zu lassen. Das Exilparlament hatte sich vergangene Woche geweigert, ihn nach 60 Jahren von seinen politischen Aufgaben zu entbinden. Doch diesmal will sich Seine Heiligkeit offenbar nicht breitschlagen lassen.

Am Wochenende machte der Dalai Lama klar, dass an seiner Entscheidung nicht zu rütteln ist. Es sei nicht gut, dass der Dalai Lama die absolute Macht habe, mahnte der 75-Jährige. Solche Zeiten seien überholt: "Ich möchte nicht wie Mubarak sein." Für die Tibeter bedeutet sein Rückzug das Ende einer Ära. Mehr als 400 Jahre haben die Dalai Lama die weltliche und spirituelle Macht auf sich vereint. Mit seinem Schritt will Tenzin Gyatso sein Volk für die Zeit nach seinem Tod wappnen und ein Machtvakuum verhindern. Bis dahin will er aber spirituelles Oberhaupt bleiben.

Mit seinem Rückzug bekommen auch die Wahlen, deren Resultat Ende April erwartet wird, neues Gewicht. Bisher stand der Regierungschef völlig im Schatten des Gottkönigs. Nun soll er die politische Führung übernehmen. Dabei dürfte ihm der Dalai Lama aber zur Seite stehen. "Er wird immer mein Oberhaupt bleiben" , sagte Sangay zum Standard. "Er ist ein brillanter Führer, der seiner Zeit voraus ist." Langfristig werde sein Schritt, die politische Macht einer gewählten Regierung zu übertragen, den Tibetern nützen.

Sangay arbeitet bisher an der renommierten Harvard Law School in den USA. Sollte er gewählt werden, will der Vater einer vierjährigen Tocher in die indische Himalaya-Kleinstadt Dharamsala umziehen, den Sitz der Exil-Regierung. Im Tibet-Konflikt setzt Sangay auf Dialog. Dazu will er den Austausch auch zwischen Chinesen und Tibetern verstärken. Bereits in den vergangenen Jahren organisierte er immer wieder Konferenzen mit chinesischen Gelehrten. Auch sei er bereit, Gespräche mit der chinesischen Führung aufzunehmen. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi /DER STANDARD, Printausgabe, 21.3.2011)

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    Favorit für das Amt des tibetischen Exil-Premiers: der in den USA lehrende Jurist Lobsang Sangay am Sonntag bei der Stimmabgabe im nordindischen McLeodganj.

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