"Checkpoint Blecha-Charly"

18. März 2011, 14:37
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Michael Ziegelwagner schwingt in "Café Anschluß" die Satirekeule - Er trifft die Deutschen hart, die Österreicher aber härter

"Die Kellnerin kommt. Ich bitte sie auf Österreichisch um eine ausgefallene Variante von Fellatio. Sie nickt, verschwindet in der Küche und bringt mir noch ein Gulasch. Ich esse es." Michael Ziegelwagner redet nicht nur vom typisch österreichischen Grant. Er praktiziert ihn. Er erhebt ihn zur Kunstform, um ihm vielleicht doch noch ein paar Wahrheiten zu entlocken.

Als Sankt Pöltener, der für die deutsche Satirezeitschrift Titanic schreibt, flaniert der Autor durch die Klischees einer alten Feindschaft zweier Kulturen, die sich durch ihre Nähe beschädigen, sich gegenseitig kontaminieren. Und nein, er löst das Problem nicht durch liebevolle Gehässigkeit. Er tätschelt keine kleinen Individualitäten, sondern schlägt in wilder Assoziationswut auf die heiklen Themen ein, die da wären: Sprache, Essen, Hitler.

Dass man die Deutschen in irgendeiner Form ernst nehmen könnte, verhindert also nicht nur ihre "Zeichentricksprache" und Apfelwein als perverseste Form jeglicher Obstverarbeitung. Nein, sie reden auch ständig von Hitler. Österreich hingegen, halte sich klugerweise gleich drei Parteien, FPÖ, BZÖ, FPK, die sich mit dem Rechtsextremismus beschäftigen. Beinahe eine Seite lang zählt der Autor österreichische Politiker der Zweiten Republik mit Nazi-Vergangenheit auf. Die deutsche CDU liege heute noch leicht links österreichischer Sozialdemokraten. In Deutschland dagegen ist das titelgebende "Café Anschluß", wo man ein Klischee serviert bekommt, egal was man bestellt, ein Internetcafé für Senioren.

Man sieht, der Autor ist gerecht und das Hassobjekt Deutschland manchmal nur ein Vehikel, um ein anderes Satireziel, das geliebte Österreich, richtig zur Geltung kommen zu lassen. Die Perspektive entlarvt, nicht das Ziel der Tirade. Deutschland wird beschimpft, weil es nicht Österreich ist, Österreich aber verdient Schelte, weil es Österreich ist.

Ein Konzept von Satire ist Dekonstruktion durch Übertreibung. Satire per Breitschwert muss aber die feine Klinge nicht ausschließen. Aus brachialen Gemeinheiten kann auch das Gespür für Mentalitäten und subtile Pointen klingen. Kleingedrucktes zu lesen lohnt sich: Aus Fußnoten erfährt man bei Ziegelwagner neben allen oberdeutschen Umschreibungen des Wortes "tögeln" die vollkommen unsatirische Wahrheit, dass der Österreicher gemeinhin anderen ihr Elend neidet, auf das er exklusives Anrecht zu haben glaubt.

Zurück zu den Deutschen: Was wäre denn passiert ohne sie? Was, wenn das Deutsche Reich nur aus Österreich bestanden hätte? Sankt Pölten hätte Karl-Seitz-Stadt geheißen, Wolfgang Ambros würde jetzt ÖVP wählen, und es gäbe einen "Checkpoint Blecha-Charly". Dass das Buch im Finale in einem erotischen Höhepunkt mündet, in dem deutsche Musikkapellen von der Loreley stürzen und noch im Fallen spielen, wundert dann auch nicht mehr.

Die Satire hat Witz, aber nicht lückenlos. Manchmal wirkt sie auch bemüht oder banal, manchmal beliebig. Aber das gefällt den Deutschen wahrscheinlich. (Alois Pumhösel, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. März 2011)

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