Die ersten Tage: Kampf ums Überleben

15. März 2011, 16:18
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Seit vergangenem Freitag, 14.45 Uhr, ist in Japan nichts mehr, wie es war. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Land die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, seither kämpfen der Inselstaat und seine Bewohner ums Überleben. Ein Erdbeben der Stärke 9.0 brach über den Nordosten der Insel Honshu herein und löste einen verheerenden Tsunami aus.

Tausende Tote waren die Folge, doch das - so scheint es - war erst der Anfang. Im Atomkraftwerk Fukushima eins fielen die Kühlsysteme aus, es droht der Supergau mit dramatischen Folgen für den Großraum Tokio und seine 36 Millionen Einwohner. Wer kann, versucht sich in Sicherheit zu bringen. Ein Überblick über die Ereignisse:

Freitag, 11. März 2011:

- Ein heftiges Erdbeben löst um 6.45 Uhr MEZ an Japans Pazifikküste eine Tsunamiwarnung aus. In ersten Berichten heißt es, in der Hauptstadt Tokio wankten Häuser. Wenig später wird die Stärke der Erdstöße mit 8,8, dann 8,9 und schließlich 9,0 angegeben. Einige Atomkraftwerke schalten sich automatisch ab, auch der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen stellt den Betrieb im Norden des Landes ein.

- Um 8.00 Uhr MEZ trifft ein bis zu zehn Meter hoher Tsunami auf Land. Boote und sogar Häuser werden weggeschwemmt, weite Landstriche verwüstet. Besonders im Hafen von Sendai gibt es schwere Zerstörungen. Japans Ministerpräsident Naoto Kan spricht von schweren Schäden. Es gebe bisher keine ernsthaften Probleme mit den Atomreaktoren. In Medienberichten ist von mehreren Toten die Rede.

- Um 10.30 Uhr MEZ melden japanische Medien, dass das Kühlsystem in einem Reaktor des AKW Fukushima eins ausgefallen ist. Im AKW Onagawa bricht ein Feuer aus. Auch eine Raffinerie bei Tokio brennt. Eine Tsunamiwarnung wird für den gesamten Pazifik herausgegeben, auch für die US-Westküste.

- Um 12.30 Uhr MEZ ruft die Regierung den Atomalarm aus, beruhigt aber gleichzeitig, es gebe keine Lecks. Im Gegensatz dazu befürchtet Greenpeace bereits zu diesem Zeitpunkt Kernschmelze in Fukushima. 2.000 Anrainer des AKW Fukushima werden evakuiert. In den Dörfern und Städten an der Küste im Nordosten spielen sich unterdessen apokalyptische Szenen ab: Häuser, Autos und Schiffe treiben in den Fluten hunderte Meter landeinwärts. Experten befürchten hohe Opferzahlen. Eine Raffinerie in einem Vorort von Sendai explodiert. An Finanz- und Rohstoffmärkten entsteht Unruhe.

- Experten geben um 15.40 Uhr MEZ bekannt, dass das Notkühlsystem des AKW Fukushima im Batteriebetrieb läuft und die Akkus nur noch Energie für wenige Stunden liefern können.

- Um 23.00 Uhr MEZ wird bekanntgegeben, dass im AKW Fukushima eins ein Grad an Radioaktivität um das Tausendfache gegenüber dem Normalwert erhöht ist. Im Reaktor 1 wird kontrolliert Druck abgelassen. Premierminister Kan weitet den Evakuierungsbereich um das AKW von zwei auf zehn Kilometer aus.

Samstag, 12. März 2011:

- Die Betreibergesellschaft Tepco gibt um 1.00 Uhr MEZ bekannt, dass auch im AKW Fukushima zwei das Kühlsystem ausgefallen ist. Auch hier wird im Umkreis von drei Kilometer um das Kraftwerk die Evakuierung angeordnet.

- Aus dem AKW Fukushima eins ist nach Angaben von Tepco um 5.00 Uhr MEZ Radioaktivität ausgetreten. Wenig später erklärt die Atomsicherheitsbehörde, dass im AKW Fukushima eins die Kernschmelze begonnen hat. In einer Bilanz sprechen die japanischen Behörden von beinahe 1.400 Toten und Vermissten. Österreicher sind nicht darunter.

- Gegen 8.00 Uhr MEZ werden bei einer Wasserstoffexplosion Dach und Mauern des Reaktorgebäudes von Block 1 zerstört, vier Arbeiter verletzt. Laut Behörden bleibt aber der Stahlmantel des Blocks intakt. Der Evakuierungsradius um die Kraftwerke wird auf 20 Kilometer ausgeweitet.

- Um 14.30 Uhr MEZ geben die Betreiber bekannt, dass sie Reaktor 1 mit Meerwasser fluten, um so den Block zu kühlen. Wenig später teilt der öffentlich-rechtliche Sender NHK mit, dass in der Hafenstadt Minamisanriku knapp 10.000 Menschen vermisst werden. Unterdessen stoppen die japanischen Autobauer Toyota, Nissan und Honda die Produktion.

- Die Katastrophe in Japan löst auch eine heftige Atomdebatte aus: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigt am Abend eine Überprüfung aller deutschen AKW an.

- Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) gibt gegen 22.00 Uhr MEZ bekannt, dass rund 140.000 Menschen von der Evakuierung betroffen sind. Die Betreiber gestehen unterdessen ein, dass es auch in Block 3 des AKW Fukushima eins Probleme gibt, weil hier das Notkühlsystem ausgefallen ist.

Sonntag, 13. März 2011:

- Mehrere Billionen Yen will die japanische Notenbank in die Finanzmärkte pumpen, um diese so zu beruhigen.

- Kurz vor 2.30 Uhr MEZ erschüttert ein schweres Nachbeben den Großraum Tokio. Im AKW Fukushima eins überschreitet die radioaktive Strahlung die Höchstgrenze.

- Die Nachrichtenagentur Kyodo berichtet, dass Atomexperten eine um das 400-fache erhöhte Strahlung in der nordöstlichen Provinz Miyagi gemessen haben. Die AUA lässt aus Sicherheitsgründen ihren Flug nach Tokio ausfallen.

- Um 12.30 Uhr MEZ tritt Ministerpräsident Kan vor die Medien und spricht in Zusammenhang mit der Katastrophe von der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, der das Land gegenübersteht. Unterdessen versuchen immer mehr Ausländer, Japan zu verlassen oder zumindest aus dem Großraum Tokio wegzukommen. Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche Österreicher.

- Gegen 17.30 Uhr MEZ kommen neue Hiobsbotschaften aus Japan: Demnach ist auch bei Reaktor 2 des AKW Tokai südlich von Fukushima das Kühlsystem ausgefallen.

- Kurz vor Mitternacht MEZ meldet Kyodo, dass die Strahlungsgrenzwerte im Kernkraftwerk Fukushima erneut überschritten worden sind.

Montag, 14. März 2011:

- Auch im dritten Reaktorblock des AKW Fukushima eins ereignet sich eine Wasserstoffexplosion. Das berichtet der TV-Sender NHK gegen 3.20 Uhr MEZ. Es gibt mehrere Verletzte. Die Betreiber geben bekannt, dass wie schon bei der Explosion im Block 1 die Reaktorhülle intakt ist. Kurz zuvor ist nach einem weiteren heftigen Nachbeben erneut Tsunami-Alarm ausgelöst worden, zum Glück unbegründet.

- Immer deutlicher werden die Auswirkungen auf die Wirtschaft. Der japanische Aktienmarkt bricht ein, der Nikkei-Index der Tokioter Börse gibt bis zum frühen Nachmittag um sechs Prozent nach. Die Zentralbank präzisiert ihre Angaben und spricht von 18 Billionen Yen (160 Mrd. Euro), die sie in den Markt pumpen will.

- Gegen 8.00 Uhr MEZ wird bekannt, dass auch im Block 2 des AKW Fukushima eins das Kühlsystem ausgefallen ist und der Wasserstand fällt. Im Laufe des Vormittags werden Berichte über eine Strahlenwolke über dem Pazifik bekannt, die unter anderem den US-Flugzeugträger Ronald Reagan zur Umkehr zwingt. Der Versorger Tepco beginnt mit der Stromabschaltung.

- Gegen 13.30 Uhr MEZ gibt Tepco zu, dass im Reaktor 2 möglicherweise partielle Kernschmelze stattfindet. Ein Versuch, den Reaktor mit Meerwasser zu kühlen, schlägt fehl.

- Kurz vor Mitternacht MEZ räumt die Regierung ein, dass der Schutzmantel von Block 2 des AKW Fukushima eins beschädigt ist. In dem Block kommt es ebenfalls zu einer Explosion, die eine massive Freisetzung von Radioaktivität nach sich zieht. Wegen der geänderten Wetterlage mit Wind aus nördlicher Richtung ist nun Tokio bedroht.

Dienstag, 15. März 2011:

- Im Block 4 von Fukushima eins bricht ein Feuer aus. Die Regierung sagt gegen 3.30 Uhr MEZ, dass das Ausmaß der Strahlung ein gesundheitsgefährdendes Niveau erreicht hat.

- Greenpeace sagt gegen Mittag (MEZ), dass die Kernschmelze im AKW Fukushima eins vermutlich seit Samstag im Gang ist, zumindest in Block 1.

- Gegen 13.00 Uhr (MEZ) meldet Kyodo, dass die Strahlung im AKW Fukushima eins zu hoch für das Personal ist. Es könne nicht in den Kontrollräumen des Reaktors bleiben. Österreichs Botschaft wird von Tokio nach Osaka verlegt.

- Die offizielle Zahl der Todesopfer der Katastrophe wird mit 3.373 angegeben. Japans Medien geben unterdessen der Bevölkerung Tipps für den Umgang mit einer Verstrahlung. (APA)

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