Tepco oder zwei Jahrzehnte voller Pannen

16. März 2011, 09:27
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Der Atomkonzern vertuschte jahrelang Störfälle – Portrait einer japanischen Industriekultur

Die Homepage von Tokio Electric Power Company (Tepco) enthält keinerlei Hinweis auf den Austritt radioaktiver Strahlung aus den Problemreaktoren in Fukushima. Ministerpräsident Naoto Kan fühlt sich von Tepco mangelhaft informiert. Unternehmenschef Masataka Shimizu versprach laut Financial Times Deutschland (FTD) erst vor einem halben Jahr, alle Anstrengungen zu unternehmen, "dass unsere Kernkraftwerke Katastrophen standhalten können". Jetzt ist von ihm wenig zu hören. Wie kommt es zu so einer Unternehmenskultur?

29 Sicherheitspannen in zwei Jahrzehnten

Tepco wollte immer eines: Der Energieversorger der Japaner sein. Als staatliche Firma in den 50er-Jahren gegründet, war es seine Aufgabe, die boomende japanische Industrie mit Energie zu versorgen. Zunächst mit Kohle, Gas und Öl, seit den 70er-Jahren zunehmend mit Atomenergie.

Bei der Informationspolitik war man weniger ambitioniert. Wie 2002 bekannt wurde, hatte Tepco zwei Jahrzehnte lang regelmäßig Störfälle verschwiegen oder als Reparaturtätigkeiten deklariert. Nach japanischen Medienberichten hatte der Konzern in den 80er- und 90er-Jahren nicht weniger als 29 "Vorfälle" in acht seiner Nuklearreaktoren vertuscht, darunter soll zumindest ein ernsthafter Zwischenfall gewesen sein.

Die japanische Regierung ordnete daraufhin an, dass Tepco alle seine 17 Reaktoren zur Überprüfung herunterfährt, die Unternehmensspitze musste zurücktreten. Die Affäre löste in Japan eine heftige Debatte über Sicherheit in Nuklearanlagen aus. Erst 2004 durften sämtliche Anlagen wieder ans Netz.

Zwei Reaktoren in Fukushima 2008 vom Netz genommen

2006 und 2007 wurde dem Konzern abermals vorgeworfen, Daten über die Kühlwassertemperatur in einzelnen Reaktoren gefälscht zu haben und sogar den Austritt radioaktiven Dampfes aus Rohren verschwiegen zu haben. Nach einem Erdbeben musste 2007 das weltgrößte AKW Kashiwazaki wegen eines Transformatorbrands abgeschaltet werden. Und auch im AKW Fukushima, das gegenwärtig Tokio bedroht, gab es Sicherheitsprobleme. Shimizu höchstpersönlich ließ zwei der sechs Reaktoren vorübergehend vom Netz nehmen.

Diese Informationspolitik entspricht der Melange aus Politik und Nuklearindustrie in Japan. Man verstehe sich als geschlossene Gesellschaft mit strikter Ausrichtung an der nationalen Industriepolitik, Offenheit wäre kein politisches Ziel, so skizziert die FTD die Meinung eines Insiders.

Ministerpräsident Kan nimmt Ruder in die Hand

Diese Einstellung könnte sich jetzt ändern. Kan bildete einen Krisenstab am Tepco-Hauptquartier und forderte das  Unternehmen auf, die Fakten auf den Tisch zu legen und Fukushima nicht still und heimlich zu verlassen. Das Unternehmen hatte über 90 Prozent der Mitarbeiter aus Strahlenschutzgründen abgezogen. Kan verlangte von Tepco, ihre Mitarbeiter nicht aus der Anlage abzuziehen. Er sei sich hundertprozentig sicher, dass das Unternehmen dann zusammenbreche.

Tepco liefert rund ein Viertel des japanischen Atomstroms und beschäftigt 52.000 Mitarbeiter. Der börsenotierte Konzern ist auch in der Elektroautoindustrie und im Telekom- und Immobiliengeschäft aktiv. Nachdem der Aktienkurs am Montag um 23,5 Prozent abgesackt war, wurde der Handel von Tepco-Aktien am Dienstag ausgesetzt. Größter Einzelaktionär ist die Japan Trustee Services Bank. Die Stadt Tokio zählt zu den fünf größten Aktionären. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 16.3.2011)

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    Wachmann vor dem Tepco-Hauptquartier in Tokio

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