Österreich drängt auf weltweiten Atom-Ausstieg

14. März 2011, 15:51
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Heimische Importe von Atomstrom betragen laut E-Control rund sechs, laut Umweltminister Berlakovich "drei bis fünf" Prozent

Wien - Österreich hat zwar keine Atomkraftwerke, mit dem Strom aus Nachbarländern kommt aber auch Atomstrom ins Land. "Mascherl" hat der Strom nicht, Atomenergie unterscheidet sich also nicht von erneuerbarer Energie. Aber etwa 17,5 Prozent der heimischen Elektrizität kann keiner speziellen Quelle zugeordnet werden. Rund ein Drittel davon dürfte angesichts des Erzeugungsmix in Europa aus Atomstrom stammen, damit können rechnerisch etwa sechs Prozent des heimischen Stroms auf Atomenergie zurückgeführt werden, schätzt Christian Schönbauer, bei der Energieregulierungsbehörde E-Control für Ökoenergie und Energieeffizienz zuständig.

Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) hat die Angaben am Montag Nachmittag korrigiert: Seinen Experten zufolge machen Atomstromimporte etwa drei bis fünf Prozent der Stromversorgung in Österreich aus. "Es ist richtig, dass auch das zu viel ist", so Berlakovich. Das Energiesystem eines Landes sollte zwar offen sein, "aber im Sinne von Erneuerbaren", sagte der Minister.

Enge Verflechtung

Österreich ist mit dem europäischen Netz eng verflochten. Unter anderem, weil in Nordeuropa zu viel Strom erzeugt wird und in Südeuropa zu wenig, sodass es einen intensiven Transfer von Nord nach Süd gibt. In Summe hat Österreich in den vergangenen Jahren mehr importiert als exportiert - 2010 um 2.200 GWh oder gut drei Prozent des Verbrauchs. Das sei volkswirtschaftlich sinnvoll, hebt Schönbauer hervor.

Österreich habe genug Kapazitäten, um im Fall des Falles den Eigenbedarf zu decken, aber es sei nicht "das ökonomische Optimum", alle kalorischen Kraftwerke durchgehend laufen zu lassen. Grundsätzlich wäre ein "Autarkiedenken" nicht sinnvoll, meint Schönbauer. Österreich profitiere vom großen Europäischen Markt. "Grenze dicht" wäre keine gute Lösung, nicht einmal in einer Krise, betont Schönbauer.

Die aktuellen Probleme in Japan seien auch nicht so leicht auf Europa umzulegen. In Japan haben die Atommeiler dem Erdbeben standgehalten, erinnert Schönbauer. Erst der Tsunami habe die Aggregaten für die Kühlung zerstört. Und gerade ein Tsunami sei im europäischen Kontext nicht das realistische Szenario.

AKW in fast allen Nachbarländern

Die Nachbarländer Österreichs produzieren - mit Ausnahme Italiens - Atomstrom. In der Slowakei entfallen 53,6 Prozent der Erzeugung auf Atomenergie, in Ungarn sind es 44,8 Prozent, in der Schweiz 39,3 Prozent, in Slowenien 27,8 Prozent, in Tschechien 33,8 Prozent und in Deutschland 23,3 Prozent. Europaweit beträgt der Anteil von Atomstrom 28,8 Prozent (727 TWh).

Österreich hat 2010 70,8 TWh Strom erzeugt. Aus Wasserkraft kamen dabei 37,3 TWh (53 Prozent), aus kalorischen Kraftwerken 24,7 TWh (35 Prozent) und aus sonstiger Erzeugung 8,7 TWh (12 Prozent). 19,7 TWh wurden importiert, 17,5 TWh exportiert, 2,2 TWh blieben damit in Österreich "hängen".

Berlakovich ortet Zustimmung zu AKW-Stresstests

Der Umweltminister ortet für seinen Vorstoß nach europaweiten AKW-"Stresstests" innerhalb der EU Unterstützung. Berlakovich sagte am Montag nach einem Treffen der EU-Umweltminister in Brüssel, er habe seinen Vorschlag auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger unterbreitet. Er soll bei einem Treffen mit der Atomindustrie am morgigen Dienstag in Brüssel bewertet werden.

Berlakovich sagte, nach einer anfangs zögerlichen Debatte habe Deutschland Unterstützung zugesagt. Auch Frankreich und Spanien hätten positiv auf den "Stresstest"-Vorschlag reagiert. Italien habe ein Überdenken seiner Atompolitik angekündigt. Keine Reaktion habe es von Tschechien und der Slowakei gegeben. Es sei klar, "dass Europa aus seinem Dornröschenschlaf aufwachen muss".

Berlakovich sieht "Bewegung in der internationalen Diskussion". Positiv beurteile der Umweltminister auch, dass die Schweiz nunmehr Nuklearprojekte sistieren wolle. Slowenien habe sich vorsichtig geäußert und versichert, dass das AKW Krsko sicher sei.

Kritik von Greenpeace und Global 2000

Umweltorganisationen lehnen die "Stresstests" hingegen ab. Diese würden keine weitere Sicherheit für die österreichische Bevölkerung bringen, hieß es am Montag in einer Aussendung von Greenpeace. Die Organisation forderte Berlakovich auf, beim EU-Umweltministerrat keine weiteren "Pseudo-Sicherheitstests" für die europäischen Atomkraftwerke ins Spiel zu bringen, sondern sich auf die Abschaltung der Atomkraftwerke in den Nachbarstaaten zu konzentrieren. Absolute Priorität müsse dabei auf den Atomkraftwerken in Deutschland und deren überstürzte Laufzeitverlängerung liegen.

Global 2000 drängt die EU-Kommission wegen des slowakischen AKW Mochovce auf ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Slowakei. Der Umweltminister solle dieses Bestreben unterstützen, so die Forderung der Umweltschützer.

Beim Koalitionspartner kam Berlakovichs Forderung auch nicht gut an. Stresstests seien eine "Placebo-Aktion", so SPÖ-Umweltsprecherin Petra Bayr, die Gespräche mit AKW-betreibenden Nachbarländern über einen Atomausstieg verlangte. Die von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel angekündigte Aussetzung der Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke sei "ein erster richtiger Schritt", so Bayr.

Grüne und FPÖ für Atom-Ausstieg

Forderungen nach einem weltweiten Ausstieg aus der Atomenergie kamen am Montag auch von der heimischen Opposition. Ein erster Schritt müsse die sofortige Stilllegung europäischer Risikoreaktoren sein, so Grünen-Bundessprecherin Eva Glawischnig. Die Grünen wollen sich nun europaweit akkordiert gegen die Atomkraft stark machen. Vor allem müssten nun Siedewasserreaktoren, solche ohne Schutzhüllen und auf Erdbebenlinien sowie besonders alte Anlagen stillgelegt werden. Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner sprach von menschlichem Zerstörungswerk. "Was muss noch passieren, bis klar ist, dieses Monster ist nicht beherrschbar?", fragte er.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache will sich gegen die Atom-Lobby zur Wehr setzen. Für ihnist durch die Ereignisse in Japan "einmal mehr belegt, dass Nuklearkraftwerke ein völliger Irrweg sind". Leider hätten die verantwortlichen Politiker und Energiekonzerne 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl offenbar noch immer nichts dazugelernt, kritisierte er in einer Aussendung. Europa müsse jetzt ernsthaft mit dem Ausstieg aus der Atomenergie beginnen.

BZÖ-Chef Josef Bucher fordert in seiner Funktion als Kärntner Bündnisobmann eine gemeinsame Initiative von Land und Bund für eine rasche Schließung des AKW Krsko in Slowenien. Umweltsprecher Robert Lugar kritisierte die Atomstromimporte nach Österreich. Minister Berlakovich tue sich durch Beschwichtigungen und Worthülsen hervor. (APA/red)

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