Erdbeben in Japan erschüttert Börsen

11. März 2011, 09:55
45 Postings

Die Erschütterungen in Japan ziehen auch die Wirtschaft in Mitleiden­schaft. Fabriken und Gasraffinerien brennen, Börsen geben nach

Nur zwei Tage ist es her, seitdem Japan von einem Erdbeben der Stärke 7,3 erschüttert wurde. Aber mit dem jetzigen, vor allem mit dem Ausmaß der Stärke, die Rede ist bereits von 8,9 auf der nach oben offenen Richter-Skala, hatte niemand gerechnet. Die Regierung in Tokio spricht bereits vom "möglicherweise schlimmsten Beben" aller Zeiten. Der Katastrophenschutz des Landes gab die höchste Tsunami-Warnung heraus, man rechnet mit bis zu zehn Meter hohen Wellen. Eine erste Flutwelle hatte bereits am späteren Nachmittag (Ortszeit) weite Landstriche unter Wasser gesetzt. Flüsse quellen über und setzen ganze Wohngebiete unter Wasser, Hilfe wird wohl nur über den Luftweg zu erreichen sein. Die Tsunami-Warnung betrifft mittlerweile Russland, die Marianen, Philippinen, Taiwan und sogar Hawaii. Das Epizentrum lag neuesten Erkenntnissen zufolge nur zehn Kilometer unter dem Meer, 80 Kilometer weit entfernt von der Stadt Sendai im Nordosten des Landes und 370 Kilometer von der Hauptstadt Tokio entfernt. 

Gewaltige Bewegungen

Japan liegt in einer der seismisch aktivsten Regionen der Welt. 90 Prozent der Erdbeben weltweit ereignen sich hier. Die pazifische Platte, die größte des Globus, schiebt sich regelmäßig unter die eurasische. Nun hat Japan gelernt, mit Erdbeben zu leben, eines diesen Ausmaßes ist dennoch überraschend. Zwar sind die neueren Gebäude erdbebensicher gebaut, dennoch existiert ein großer Anteil an Altbestand. Acht Kampfhubschrauber stiegen mittlerweile auf, um sich ein Bild von dem verheerenden Ausmaß im Land zu machen und die Fotos nach Tokio zu schicken. Tatsächlich brennen Fabriken, explodierte eine Gasölraffinerie in Ichihara, die meisten Zug- und Flugverbindungen auf der Insel Honshu sind eingestellt, der Narita-Flughafen in Tokio ist geschlossen, Atomkraftwerke schalteten sich automatisch aus, im Großraum Tokios sind vier Millionen Menschen ohne Strom. Verletzte gibt es, über Todesopfer gibt es zur Stunde noch keine genauen Angaben.

Flucht aus Aktien

Glück im Unglück ist die Tatsache, dass die am stärksten betroffene Region eher dünn besiedelt ist und als "Kornkammer" genutzt wird. In dem  landwirtschaftlichen Streifen wird hauptsächlich Reis angebaut. Die wirtschaftlichen Folgen sind dennoch nicht abzusehen: Die Börse traf die Katastrophe kurz vor Handelsschluss, um 14.45 Uhr Ortszeit. Schnellschüsse waren die Folge. Aus Unsicherheit flohen Anleger aus den Aktien, die als sicher geltenden Staatsanleihen dagegen verbuchten einen Kurssprung. Man muss allerdings dazu sagen, dass auch vor dem Beben bereits Sorgen über den hohen Ölpreis und dessen Folgen für die Weltkonjunktur die Kurse belastet hatten.

Der Nikkei-Index beendete den Handel mit einem Abschlag von 1,7 Prozent auf 10.254 Punkten. 152 Kursgewinnern standen 1.459 -verlierer gegenüber. In Singapur gehandelte Futures auf den Nikkei fielen allerdings nach dem Handelsschluss in Tokio unter 10.000 Punkte. Auch die anderen asiatischen Börsen notierten fast ausnahmslos deutlich schwächer. 

Versicherer unter Druck

Die Aktien des weltweit größten und des drittgrößten Rückversicherers Münchener Rück und Hannover Rück gingen in Frankfurt auf Tauchstation. Erstere gaben am Vormittag um 4,67 Prozent auf 111,30 Euro nach, Hannover Rück fielen am MDax-Ende um 5,36 Prozent auf 38,615 Euro. In der Schweiz sackte die weltweite Nummer zwei der Branche, Swiss Re, um 5,41 Prozent auf 50,70 Franken ab.

Der Yen geriet unter Abgeabedruck unt notierte gegenüber dem Dollar auf einem Tagestief von 83,29 Yen (0,726 Euro), nachdem er zuvor bei 82,80 Yen gelegen hatte. Gleichzeitig sicherte die Bank of Japan massive Unterstützung zu. So teilte die Notenbank mit, sie werde alles tun, um die Stabilität der Finanzmärkte zu sichern und Liquidität bereitzustellen. Umgehend wurde eine Arbeitsgruppe zur Beobachtung der Folgen auf die Banken gebildet.

Erst gestern gab die Regierung des Landes bekannt, dass die japanische Wirtschaft im vierten Quartal noch deutlicher geschrumpft sei als ursprünglich gedacht. Das auf das Jahr hochgerechnete reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging in den drei Monaten von Oktober bis Dezember nach revidierten amtlichen Angaben um 1,3 Prozent zurück. Bei der vorläufigen Nennung der Zahlen war noch ein Minus von 1,1 Prozent ausgewiesen worden. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 11.03.2011)

Wissen

Japan mit einer Bevölkerung von knapp 128 Millionen Menschen war in den vergangenen Jahrzehnten die dominierende Wirtschaft Asiens. Bis 2009 rangierte das Land 42 Jahre lang hinter den USA weltweit auf Rang zwei in der Wirtschaftskraft. Im Krisenjahr 2009 erwirtschaftete das Land immer noch gut acht Prozent des Welteinkommens. Erst 2010 verdrängte das rasch wachsende China den regionalen Konkurrenten in der Weltrangliste der größten Wirtschaftsmächte auf Rang drei.

Japans Exportlastigkeit bringt es mit sich, dass das Land von der weltweiten Wirtschaftskrise im Gefolge der tiefsten Finanzkrise seit Jahrzehnten besonders stark getroffen wurde. Die Wirtschaft brach 2009 um mehr als fünf Prozent ein - der größte Rückgang unter den sieben größten Industriestaaten. Mit Staatschulden von bald 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehört Japan zu den am höchsten verschuldeten Industriestaaten.

Weitere Infos

Zu den Marktberichten

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Nikkei-Index beendete den Handel mit einem Abschlag von 1,7 Prozent auf 10.254 Punkten.

Share if you care.