"Sie erzählen von unglaublichen Massakern"

10. März 2011, 10:17
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Ivan Gayton von "Ärzte ohne Grenzen" im derStandard.at-Interview über seinen Alltag

derStandard.at: Sie sind Einsatzkoordinator für "Ärzte ohne Grenzen" im Transitcamp für Flüchtlinge aus Libyen an der tunesisch-libyschen Grenze. Nimmt die Intensität des Flüchtlingsstroms derzeit ab?

Gayton: Man kann von einem deutlichem Rückgang sprechen. Letzte Woche kamen noch etwa 14.000 Menschen am Tag. Jetzt sind es mittlerweiler viel weniger, etwas unter 2500 Menschen am Tag. Immer mehr Leute werden mit Schiffen und Flugzeugen in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgebracht. Etwa 16.000 Menschen befinden sich derzeit in dem Camp. Etwa 100.000 haben in den letzten Wochen Libyen über diesen Weg verlassen. Die Situation im Camp war schon viel prekärer und kann derzeit mit einigermaßen "stabil" beschrieben werden. Die Versorgungslage ist im Moment in Ordnung, die Menschen hungern nicht und können einigermaßen grundversorgt werden.

Das aber vor allem dank der unglaublichen Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft der tunesischen Bevölkerung. Es ist erstaunlich zu sehen, wie selbstlos die Leute hier täglich Lebensmittel, Leintücher und andere wichtige Materialien zur Verfügung stellen. Wir von "Ärzte ohne Grenzen" sind uns einig, das wir so etwas zuvor noch nirgends in einer derartigen Intensiät erlebt haben.

derStandard.at: Etwa eine Million Menschen sind laut Schätzung der UN noch immer auf der Flucht und versuchen, an die Grenzen zu kommen. Mit wie vielen Menschen rechnen Sie in den nächsten Tagen?

Gayton: Das kann man natürlich nicht vorhersagen. Wir müssen uns aber sicher auf eine weitere Welle gefasst machen. Mit 15.000 neuen Menschen in der kommenden Woche könnten wir umgehen. Sollten plötzlich 200.000 kommen, was durchaus plausibel ist, hätten wir ein akutes Problem. Die Menschen erzählen uns, dass sie auf ihrer extrem schwierigen und gefährlichen Flucht unzählige zurücklassen mussten.

derStandard.at: Was erzählen die Menschen von den Kämpfen?

Gayton: Sie erzählen von unglaublichen Massakern und dass die Menschen ständiger akuter Gefahr ausgesetzt sind. Sie erzählen über Hunderte Verwundete, die keine Chance auf medizinische Versorgung haben. Wir konnten außerdem mit einigen Ärzten vor Ort sprechen: die Bedingungen in Libyen übertreffen die schlimmsten Befürchtungen.

derStandard.at: Wie lange bleiben die Menschen durchschnittlich im Camp?

Gayton: Durchschnittlich drei bis sieben Tage, wenn sie die Möglichkeit haben weiterzureisen. Was uns große Sorgen bereitet, ist die Situation der Gastarbeiter aus Subsahara-Afrika. Die blicken einer ungewissen Zukunft entgegen, weil sie teilweise nicht in ihre Länder zurück können. Sie werden im Camp nach einer langen und besonders gefährlichen Flucht so gut wie möglich auch psychisch betreut.

derStandard.at: Die Subsahara-Afrikaner sollen ja doppelt bedroht sein, weil die Bevölkerung in Libyen sie oft für Söldner Gaddafis hält.

Gayton: Sie berichten zumindest - und das mit besonderer Zurückhaltung - von extremen Situationen während ihrer Flucht und davon, dass viele von ihnen es nicht geschafft haben.

derStandard.at: Werden Sie an der Grenze bleiben?

Gayton: Wie sind hier, bereit nach Libyen hineinzugehen und zu helfen - gemeinsam mit den Ärzten in Libyen. Das ist im Prinzip das Dringlichste: in Libyen selbst zu helfen. Es ist unglaublich frustrierend, hier nicht weg zu können. Wir haben ein einziges Camp im Osten, in Bengasi. Aber wirklich wichtig wäre es, dort zu sein, wo derzeit die Kämpfe stattfinden, also im Westen. Die Menschen, die in unser Camp kommen, erzählen von unzähligen Verletzten. Und wir werden nicht zu ihnen gelassen. Die neutrale Position von Ärzten und medizinischem Personal wird nicht akzeptiert. Seit Wochen bemühen wir uns, hier eine Vereinbarung zu treffen. Sobald wir eine Sicherheitsgarantie von Seiten Gaddafis bekommen, sind wir auch schon auf dem Weg. Und wir behandeln jeden, egal auf welcher Seite er steht. (derStandard.at, 9.3.2011)

Ivan Gayton ist der Notfall-Koordinator für "Ärzte ohne Grenzen" im Transitcamp für libysche Flüchtlinge an der tunesisch-libyschen Grenze.

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    "Nur mehr" 2500 Menschen am Tag kommen in das Flüchtlingscamp an der tunesisch-libyschen Grenze.

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    Anstellen um Essen. Ohne die Hilfe der tunesischen Bevölkerung wäre die Versorgunslage trist.

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