Zeichen der Hoffnung zum Wohle des Kindes

8. März 2011, 19:09
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Die Debatte aus seelsorgerischer Perspektive - Von Klaus Küng

Man hört heutzutage oft, dass es für Kinder besser ist, wenn die Eltern bei Streit und Schwierigkeiten auseinandergehen - Motto: Wenn Gefühle und Kommunikation nicht stimmen, dann besser eine rasche Trennung als ohne Verlangen, ohne Liebe und Wertschätzung miteinander weiterzumachen. Sonst leiden die Kinder unnötig. Und bei einer scharfen Trennung lernen sie, dass "man nicht im Unglück bleiben muss", "dass Menschen Dinge ändern können".

Mag sein, dass einige das vielleicht so erlebt haben. Doch: Die allermeisten Kinder sehnen sich nach einem Leben mit Vater und Mutter - auch wenn es Schwierigkeiten gibt, auch wenn Spannungen und Streit auszuhalten sind. Das zeigt meine seelsorgliche Erfahrung ebenso wie der gesunde Menschenverstand. Wenn dann im Falle einer Scheidung die Beziehung auseinandergegangen ist, wird dieses Bedürfnis ja nicht kleiner, sondern eher größer.

Sicher wissen wir alle aus unserem Bekanntenkreis Beispiele, wie sehr Kinder darunter leiden, wenn sie sich emotional für einen Elternteil "entscheiden" müssen.

So gesehen bin ich sehr dankbar für den Entwurf der Neuregelung der Obsorge aus dem Justizministerium, wie er nun seit Tagen, zum Teil ziemlich erregt, medial diskutiert wird. Die derzeit diskutierte gesetzliche Fassung ist meines Erachtens mitnichten die Grundlage zu mehr Streit, wie man hörte, sondern enthält einige Punkte, die Kindern eine wirklich bessere Chance nach einer Scheidung geben. Ein interessanter Ansatz ist etwa, dass es künftig eine Art "Schlichtungsstelle" geben könnte, bei der Eltern Unterstützung erfahren. Das kann viele Verletzungen ersparen. Auch ist ganz im Sinne der oben angeführten Erkenntnisse ein Passus eingefügt, dass derjenige Elternteil, in dessen Haushalt das Kind lebt, die "persönliche Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil zu fördern" hat. Das mag manchen Ohren unrealistisch klingen, aber schon der Versuch würde vielen Kindern viel Leid ersparen. Und Kinder, die möglicherweise durch Gewalt vonseiten eines Elternteils bedroht sind, genießen im neuen Entwurf ohnehin einen besonderen Schutz.

Es freut mich ebenso, dass das Kindeswohl nun u. a. neu definiert werden soll als "das Bedürfnis des Kindes nach engen und guten Kontakten zu beiden Elternteilen" - auch und besonders zum Vater. In einer zunehmend vaterlosen Gesellschaft ist es ein Zeichen der Hoffnung, dass Väter auch einseitig gemeinsame Obsorge beantragen können; vielleicht realisieren sie dann, dass der Vater mindestens gleich viel zum Glück des Kindes beitragen kann und muss. Und zwar nicht nur bei den Burschen. Neuere Erkenntnisse der Väterforschung zeigen die unendlich wichtige Rolle des Vaters für das Selbstwertgefühl und andere Aspekte im Leben von Mädchen - zum Beispiel die Identitätsfindung. Denn alle Kinder brauchen Vater und Mutter. Man kann es nicht oft genug wiederholen. In guten und in schlechten Zeiten. (STANDARD-Printausgabe, 9.3.2011)

KLAUS KÜNG ist Diözesanbischof in St. Pölten.

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