Was sich der Herr Prälat nicht vorstellen kann

9. März 2011, 20:14
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Der "Frauentag" ist vorbei, die Viktimisierung von Frauen bleibt

Der "Frauentag" ist vorbei, die Viktimisierung von Frauen bleibt. Gerade in besonders diffizilen Fällen wie in der vom Profil aufgedeckten Affäre um den Salzburger Domprediger, der eine minderjährige Ministrantin missbraucht haben soll. Er bestreitet dies, gibt aber zu, mit der erwachsenen Frau ein langjähriges Verhältnis unterhalten zu haben.

Die von der Kirche eingerichtete und finanzierte "Opferkommission" unter Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic hat der Frau jedenfalls geglaubt und ihr für das (juristisch verjährte) Unrecht eine nicht unbeachtliche Summe zugesprochen.

Nun kommt aber der Missbrauch nach dem Missbrauch: Der Chef der Salzburger Ombudsstelle für kirchliche Missbrauchsopfer, Prälat Hans Reißmeier, erklärte im ORF, er könne sich den Missbrauch nicht vorstellen. Denn hätte das Opfer sonst den Domprediger als Priester für die eigene Hochzeit und die Taufe der eigenen Kinder gewählt? Und: "Können Sie sich das vorstellen?"

Das muss nicht einmal Bösartigkeit sein bzw. der Versuch, eine falsche Aussage des Opfers zu insinuieren. Das kann genauso gut auch erbarmungswürdige Ahnungslosigkeit und Inkompetenz sein. Der Herr Prälat und Chef der Ombudsstelle (die nach kircheninterner Anweisung eher nicht mit Klerikern, sondern mit Laien, vor allem Psychologen besetzt sein sollte) hat offenbar die letzten 20 bis 30 Jahre sozialpsychologischer Erkenntnisse nicht zur Kenntnis genommen.

Begriffe wie Täter-Opfer-Beziehung, Verdrängung, Traumatisierung scheinen ihm nicht geläufig zu sein, schon gar nicht inhaltlich.

In der Vergewaltigungssituation sehen viele Frauen, und schon gar Minderjährige; die Unterwerfung als einzige Möglichkeit, das eigene psychische Überleben zu sichern. Man sehe sich die Autoritätsverhältnisse im konkreten Fall an: Ein geachteter Priester und eine Ministrantin, von zu Hause wahrscheinlich auf Akzeptanz der kirchlichen Autorität getrimmt. Die Fortsetzung (oder nach Aussage der Pfarrers - der Beginn) des Verhältnisses erklärt sich so aus dem Entstehen einer psychischen Abhängigkeit, vielleicht sogar dem Wunsch, dem Vorgang irgendetwas Positives abzugewinnen. Dass sie sich erst jetzt, Jahrzehnte später und nach einer schweren Erkrankung, gemeldet hat, macht sie nicht unglaubwürdiger, im Gegenteil.

Die Unfähigkeit des Ombuds-prälaten, eine solche psychische Dynamik zu begreifen (oder sich darüber zu informieren), unterhöhlt natürlich den Anspruch von Klerikern, "seelischen Beistand" zu leisten, eine beanspruchte Kernkompetenz der Kirche.

Davon abgesehen sind noch Fragen an die Erzdiözese Salzburg zu richten: Selbst wenn der Herr Domprediger keine Minderjährige vergewaltigt hat, so hat er doch zugegeben, und zwar in der Sonntagsmesse, lange ein Verhältnis mit einem Mitglied der Gemeinde unterhalten zu haben. "Wenn er jemanden verletzt habe", so tue ihm das leid. Ja, und? Darf er jetzt weiter Priester sein und weiter predigen? Was gedenkt Erzbischof Alois Kothgasser zu tun? Und wer in der Diözese wagt zu behaupten, dass das alles niemand gewusst hat? (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 9. März 2011)

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