Rundschau: Die Wiederentdeckung des Menschen

    26. März 2011, 10:08
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    Neue Romane und Erzählungen von Cordwainer Smith, Neal Asher, Paolo Bacigalupi, Edmond Hamilton und Sergej Lukianenko

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    coverfoto: piper

    Gerd Ruebenstrunk: "Das Wörterbuch des Viktor Vau"

    Kartoniert, 414 Seiten, € 16,40, Piper 2011.

    Den deutschen Autor Gerd Ruebenstrunk werden LeserInnen am ehesten als Verfasser der Jugendbuch-Reihe, die mit "Arthur und die Vergessenen Bücher" begann, kennen. Mit "Das Wörterbuch des Viktor Vau" bleibt er gewissermaßen beim Thema, wendet sich aber an ein erwachsenes Publikum und wagt sich in die Science Fiction vor. Dass dies nicht unbedingt Ruebenstrunks Stammgebiet ist, macht sich im Roman durchaus bemerkbar - aber nicht auf eine unangenehme Art. "Das Wörterbuch des Viktor Vau" erinnert mit seinem unverkennbaren Retro-Flair an SF-Literatur aus den 60er Jahren und wartet überdies mit einem originellen Plot auf.

    Die Titelfigur lernen wir in einer Eloge, die zugleich ein Nachruf ist, als das Idealbild des reinen Wissenschaftlers kennen. Wer diese Lobesrede hält, wissen wir nicht - zum ersten Mal darf sich gesundes Misstrauen regen: Ruebenstrunk ist ja auch ein Autor, der gerne Rätselnüsse zu knacken gibt. In der Folge erweist sich Viktor Vau - in passend distinguiertem Tonfall beschrieben - als hochgebildeter und etwas neurotischer Mensch, der sein Leben pedantisch unter Kontrolle zu halten versucht. Er empfindet es schon als unangenehme Veränderung, wenn sein Stammkellner, dessen Augen von der jahrelangen Job-Routine stumpf geworden sind, plötzlich wieder strahlt (was Viktor allerdings auch aus gutem Grund beachtet, wie sich noch herausstellen wird). Komplett beziehungsunfähig und ungeschickt im Umgang mit anderen, aber stets penibel auf seine Kleidung achtend - kurz: Jack Nicholson als Melvin Udall in "As Good As It Gets" hätte für Viktor Vau Pate stehen können.

    Viktor leistet aber auch etwas Besonderes: Er arbeitet an einer künstlichen Universalsprache, Katlan genannt, der ersten Sprache, die in der Lage sein soll, die Wirklichkeit in all ihren Facetten exakt abzubilden. Dass er sein Wörterbuch an einer Klinik erstellt, liegt daran, dass Katlan - wie jede Sprache, aber effektiver - auch das Denken strukturiert. Eingefleischte SF-Fans werden vielleicht unwillkürlich an andere AutorInnen denken, die den Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit einer fremdartigen Sprache und einer Veränderung des Bewusstseins thematisierten, etwa Samuel R. Delany in "Babel-17" oder Ted Chiang in "Story of your life". Viktor jedenfalls hofft mit seinem Katlan psychisch Kranke zu heilen - gewissermaßen indem ihr Verstand ein "neues Betriebssystem" erhält. Sein überragendes Verständnis von Sprache wird Viktor jedoch zum Verhängnis, als vor der Küste des afrikanischen Staats Dagombé - in der Romanzeit eine ehemalige Provinz von Niger - eine Raumkapsel niedergeht, in deren Innerem zwar weder Lebewesen noch irgendwelche bemerkenswerte Technik vorgefunden werden, aber dafür ein Waschzettel in einer unbekannten Sprache. Die besten LinguistInnen und KryptografInnen beißen sich daran die Zähne aus - also wird Viktor wider Willen nach Afrika gekarrt. Die Entschlüsselung fällt ihm leichter als erwartet, doch was er zu sehen bekommt, als er die auf dem Zettel festgehaltenen Anweisungen befolgt, lässt ihn in heller Panik ausbüxen. In der Folge wird sich Viktor, von allen Geheimdiensten gejagt, auf der Flucht befinden und sein so sorgsam durchstrukturiertes Leben im Chaos versinken.

    Unter den verschiedenen möglichen Zukünften, die das Genre hervorgebracht hat, wählt Ruebenstrunk die Variante, die nicht durch immense technische Fortschritte oder äußere Umstände wie Naturkatastrophen geprägt wurde, sondern durch ein anderes System der gesellschaftlichen Steuerung. Die Demokratie und auch die Postdemokratie sind Vergangenheit - im Jetzt der Union gibt es nur noch eine Dynastie, deren verschiedene Fraktionen ein demokratisches System vorgaukeln, während wir es tatsächlich mit einem zentralistischen Überwachungsstaat zu tun haben. Wo und wann genau wir sind, wird nie gesagt. Schätzungsweise in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts, doch von der digitalisierten Informationsgesellschaft, die andere AutorInnen auf dieser Zeitebene angesiedelt haben, ist die Union weit entfernt. Es ist eine Welt der Arbeiter und der Sekretärinnen, der Heizungsmonteure und Zeitungsjournalisten; die Hauptstadt hat ein Fabriksviertel und ein monumentales Repräsentationsviertel im Stil Ceaușescus. Soviel zum oben erwähnten Retro-Flair; verstärkt wird es noch durch die abstrakte Wirkung, die es mit sich bringt, wenn statt Eigennamen nur Begriffe wie eben "die Hauptstadt" verwendet werden: Die Handlung könnte sich überall und irgendwann ereignen.

    Sehr viel konkreter ist das eigentliche Geschehen, das sich in der Folge vor allem an Krimi-Strukturen anlehnt. Wer ist beispielsweise der geheimnisvolle "Protektor", der seine Beobachtungen als Ich-Erzähler einstreut? Und wer der "Florist" genannte Serienmörder, der Frauen blumenförmige Muster aus der Haut schneidet? Rings um Viktor versammelt sich im Verlauf des Romans ein ganzes Ensemble an Figuren, die allesamt auf nicht ganz koschere Weise in die Hauptstadt gekommen sind und etwas aus ihrer Vergangenheit zu verbergen haben. Dieses Ensemble ist überschaubar, und die ganz große Überraschung am Ende wird darum auch ausbleiben - aber einen fiesen Twist setzt der Autor dann doch noch. Und für alle, die am Thema "Sprache und welche Macht sie über unser Denken hat" interessiert sind, hat Ruebenstrunk überdies noch einige Verweise eingebaut, die ein Nachblättern wert sind: etwa zur einzigartigen Sprache des Amazonas-Volks der Pirahã oder zum Psychologen Julian Jaynes und dessen These, warum im menschlichen Bewusstsein einst tatsächlich "die Stimmen der Götter" ertönt sein könnten. Haben manche vielleicht schon gehört, als sie sich in der Schule noch durch die "Ilias" kämpfen mussten - aber das unterstreicht ja nur Ruebenstrunks generelle Botschaft: Bücherlesen ist eine bereichernde Tätigkeit.

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