Rundschau: Die Wiederentdeckung des Menschen

    26. März 2011, 10:08
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    Neue Romane und Erzählungen von Cordwainer Smith, Neal Asher, Paolo Bacigalupi, Edmond Hamilton und Sergej Lukianenko

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    coverfoto: nightshade books

    Paolo Bacigalupi: "Pump Six"

    Broschiert, 239 Seiten, Night Shade Books 2010.

    Während Paolo Bacigalupis phänomenaler Roman "The Windup Girl" (den inzwischen hoffentlich alle in unserem kleinen Lesezirkel verschlungen haben) kürzlich auch auf Deutsch veröffentlicht wurde, ist bereits die Paperback-Ausgabe der Sammlung "Pump Six" erschienen, die Bacigalupis Schaffen vor seinem Roman-Debüt zusammenfasst. Zehn Geschichten aus den Jahren 1999 bis 2008, chronologisch geordnet, demonstrieren, dass der US-amerikanische Neo-Starautor das Schreiben von Anfang an aus dem Effeff beherrschte. Und dass Biotechnologie gewissermaßen Bacigalupis Visitenkarte darstellt, zeigt sich gleich in der ersten und ältesten Erzählung "Pocketful of Dharma": Darin wird der Bettlerjunge Wan Jun zum Zeugen eines Mordes; die Täter engagieren ihn umgehend dafür, einen Datenwürfel mit hochbrisantem Inhalt zu transportieren. Wan Juns Welt sind die verregneten Slums der chinesischen Metropole Chengdu - doch vor Augen hat er stets einen geradezu überirdisch anmutenden neuen Wohnkomplex, der aus lebendem Material geschaffen wird: It was an animal vertical city built first in the fertile minds of the Biotects and now growing into reality. It would stand a kilometer high and five wide when fully mature. A vast biologic city, which other than its life support would then lie dormant as humanity walked its hollowed arteries.

    In noch extremerer Form ist die Biotechnologie zum Einsatz gekommen, um "The People of Sand and Slag" zu erschaffen: Auf einer biologisch toten Erde, die zu einer einzigen Giftmüllhalde verkommen ist, haben die Menschen ihre Körper soweit verändert, dass sie sich von jedem beliebigen Material ernähren können und unzerstörbar geworden sind - die SöldnerInnen, die im Mittelpunkt der deprimierend düsteren Erzählung stehen und sich mit Göttern vergleichen, hacken einander gerne mal zum Spaß Gliedmaßen ab ... sie wachsen ja ohnehin nach. Auch die Tier- und Pflanzenwelt hätte man biologisch "anpassen" können, aber das wollte einfach niemand bezahlen. Umso größer die Überraschung der ProtagonistInnen, als sie auf einen versifften und verkrüppelten, aber dennoch lebendigen Hund treffen. Schließlich sind sie aber doch erleichtert, als ihr zeitweiliges Maskottchen, das ständig vor Verletzungen und Vergiftungen geschützt werden musste, endlich krepiert ...

    Ökologische Katastrophen und Ressourcenknappheit ziehen sich als Themen durch einen Großteil der Geschichten: In "The Pasho" lassen Quaran-Rituale von Wüstenmenschen noch nach langer Zeit die Seuche erahnen, die einst durchs Land gezogen sein muss. In "The Tamarisk Hunter" sind die Wasserkriege zwischen Kalifornien und seinen Nachbarstaaten, die in unserer Zeit noch auf das juristische Parkett beschränkt bleiben, in eine neue Phase eingetreten. Und wie schon in der Eröffnungsgeschichte erlebt auch hier ein Underdog seine Hilflosigkeit angesichts derer, die genügend Mittel haben, um die hässliche neue Welt zu gestalten - und mit ihrem schwer bewachten Straw Colorado entwässern und entvölkern. - Ähnlich die Szenarien in den beiden Erzählungen, die in derselben Welt wie "The Windup Girl" angesiedelt sind: "Yellow Card Man" ist, bis auf den Namen der Hauptfigur im Wesentlichen unverändert, in den späteren Roman als die Geschichte Hock Sengs eingebaut worden. "The Calorie Man" hingegen führt uns von Thailand in einen anderen Winkel der Welt: Mitten hinein ins Herz der USA, das einem Entwicklungsland ähnelt und biologisch ähnlich tot ist wie die Welt der "People of Sand and Slag". Zwar grünt und blüht hier alles strahlender denn je - doch was da auf den Feldern wächst, heißt TotalNutrient oder SoyPRO, während sich in den Flüssen LiveSalmon tummeln: Die patentierten Lebensformen der großen Biotech-Konzerne habe alles andere verdrängt. Und die Verdachtsmomente aus "The Windup Girl", dass die Pflanzenseuchen, die die Ökosphäre verheert haben, seltsam zeitgleich mit der Fertigstellung der Bio-Patente aufkamen, verdichten sich.

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht Lalji, ein ehemaliger Flüchtling aus Indien, der einen calorie man - also einen Meister-Genetiker - über den Mississippi Richtung Süden schmuggeln soll. Lalji wird im Verlauf der Mission vor eine Entscheidung gestellt werden, wie es Bacigalupi mit seinen Hauptfiguren oft macht: sich ins scheinbar Ausweglose zu fügen oder seinem Gewissen zu folgen. Wan Jun musste diese Wahl auf seine Weise treffen, der Pasho Raphel in der gleichnamigen Geschichte auf eine andere ... und auch der Ich-Erzähler von "Pop Squad" kommt nicht darum herum. In seiner Welt befindet sich die Menschheit im Besitz der Unsterblichkeit - der Preis dafür ist jedoch, dass keine Kinder mehr geboren werden dürfen. Wird dieses Gesetz gebrochen, macht eine pop squad das illegale Nest ausfindig, steckt die Mütter ins Arbeitslager, während die Kinder ... tja. Im krassestmöglichen Kontrast zu den weltabgewandten Zeitvertreiben der Unsterblichen zeigt die Eröffnungspassage mit schockierender Beiläufigkeit, was popping kids bedeutet. Bis der Erzähler schließlich auf eine Mutter trifft, die ihm Paroli bietet.

    Auch die titelgebende Erzählung "Pump Six" scheint zunächst die bekannte Geschichte von zerbrechender Infrastruktur und Ressourcenknappheit zu erzählen, denn das sind die Probleme, mit denen sich der Klärwerksangestellte Trav im New York des 22. Jahrhunderts tagtäglich herumschlagen muss. Oder zumindest herumschlagen würde, wenn er nicht andauernd von anderen Ärgernissen abgelenkt würde: Etwa seiner Frau, die mit dem Feuerzeug in der Hand den Gasofen reparieren möchte, oder seinen Mitarbeitern, die einen Störfall übersehen, weil sie lieber eine Klopapier-Schlacht veranstaltet haben. Indirekt und so nach und nach zeigt sich erst, welche ganz spezielle Ressource es ist, die hier knapp wird. - An originellen Einfällen mangelt es Bacigalupi jedenfalls nicht - selbst wenn er einmal die Genre-Literatur kurz verlässt: In "Softer" drückt Jonathan eines schönen Frühlingsmorgens seiner Frau im spielerischen Herumgealbere das Kissen aufs Gesicht ... und lässt dann aus einem Impuls heraus einfach nicht mehr los. In der Folge wird er nicht nur über den Grund für seine Tat philosophieren, sondern auch noch mit neuer Lebenslust in eine rosige Zukunft losmarschieren. Was wohl Bacigalupis Frau gedacht haben mag, als sie diese Geschichte gelesen hat?

    Nahezu alle zentralen Motive kommen in der zweitältesten Geschichte, "The Fluted Girl" zusammen (das Wörterbuch bietet eine Reihe Übersetzungsmöglichkeiten für "fluted" an, aber die hier zutreffende ist garantiert nicht dabei ...), auch wenn sie in einem für den Autor nicht charakteristischen Gothic-Setting zuhause ist: Vor dem Hintergrund einer neo-feudalen Gesellschaft, in der eine gelangweilte Medien-Elite das Sagen hat, darf einmal mehr die Biotechnologie ungeahnte Möglichkeiten entfalten. Das Schloss, in dem das gentechnisch veränderte Mädchen Lidia lebt und arbeitet, ähnelt in seiner Atmosphäre von exquisit sadistischer Dekadenz einem Bordell und scheint ein Gefängnis ohne Ausweg zu sein. Doch wie der brillante Schluss zeigt, ist fast immer irgendwo Hoffnung zu finden - selbst wenn sie nur in einem offenen Ende liegt. - Selten fällt es so leicht ein Resümee zu ziehen: Paolo Bacigalupi ist ein großer Erzähler und ein fantastischer Autor.

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