Rundschau: Die Wiederentdeckung des Menschen

    26. März 2011, 10:08
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    Neue Romane und Erzählungen von Cordwainer Smith, Neal Asher, Paolo Bacigalupi, Edmond Hamilton und Sergej Lukianenko

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    coverfoto: rororo

    Patrick Lee: "Die Pforte"

    Broschiert, 377 Seiten, € 10,30, Rowohlt 2010.

    15 Jahre lang hat Travis Chase im Gefängnis gesessen. Die Wiedereingliederung ins Leben draußen hat leidlich geklappt, und um den Kopf endgültig frei zu bekommen, startet Travis am Jahrestag seiner Haftentlassung eine Trekkingtour durch Alaska. Mitten in der Einöde stößt er auf eine abgestürzte Regierungs-Boeing - merkwürdig nur, dass weit und breit kein Rettungsteam in Sicht ist. Im Inneren der Maschine findet er die Leichen der erschossenen Crewmitglieder vor, hinter einer Sicherheitstür auch die der Präsidentengattin: Die hatte sich zwar erfolgreich versteckt, war dann aber doch von einem Streifschuss erwischt worden ... zum Glück blieb ihr beim Dahinscheiden noch genügend Zeit, um einen recht elaborierten Abschiedsbrief an wer-auch-immer-dies-finden-mag zu verfassen. Der Brief ruft den ehrlichen Finder zur Verfolgung der Täter auf und mündet in die Aufforderung: Töten Sie alle. Na, das ist doch mal ein Brett! Die First Lady, traditionell Galionsfigur des Charity-Wesens, als knallhartes Flintenweib, das nach Blut schreit ... US-Autor Patrick Lee, der bislang nur Drehbücher verfasste, lässt's in seinem Roman-Debüt (2009 als "The Breach" erschienen) krachen und versteht es zu unterhalten.

    Wie Travis bald erfahren muss, war die First Lady im Auftrag einer geheimen Organisation namens "Tangent" unterwegs, die seit dem Jahr 1978 ein mysteriöses Portal in der Einöde von Wyoming bewacht, aus dem ohne Unterlass die ungewöhnlichsten Gegenstände hervorkommen. Ein waschechtes Füllhorn gewissermaßen - doch mindert es den Reiz beträchtlich, dass man nicht beeinflussen kann, was da herausgequollen kommt. Ein großer Teil der "Portal-Entitäten" genannten Objekte erscheint vollkommen sinnlos, andere erweisen sich als äußerst praktisch (solange sie nicht in die falschen Hände geraten): Da hätten wir etwa - dem aktuellen Stand der realen Technik noch am nächsten - einen Anzug, der unsichtbar macht, einen Tricorder-artigen Heilstrahler oder gar einen taschenlampenförmigen Verdoppler, der eine exakte Kopie von allem herstellt, was man vorne in seinen Lichtkegel hält. Quasi-magische Objekte aus einem kunterbunten Pulp-Universum, die wie dreidimensionale Farbkleckse aussehen ... als hätte ein real existierender Pac-Man sein Eigenheim entrümpelt. Querdenker Travis wird die Unzahl an Hypothesen über Sinn und Zweck des Portals daher auch um die erste neue Theorie seit Jahren bereichern: Vielleicht hängt man ja am Auslass eines intergalaktischen Müllschluckers ...

    Weniger spaßig ist, dass ein abtrünniger "Tangent"-Mitarbeiter mittels einiger ausgewählter Portal-Entitäten Schlimmes im Sinn hat - denn die sind brandgefährlich. Das Flüstern vor allem, eine kleine blaue Kugel, die an Bord der abgestürzten Maschine transportiert worden war. Seine gute Seite: Es kann jede Frage beantworten (eine nette kleine Anspielung auf ein vor allem in den USA beliebtes altes Kinderspielzeug), denn es weiß buchstäblich alles über alles. Seine schlechte Seite: Es zwingt nicht nur jeden, der es in die Hand nimmt, in seinen Bann, sondern trachtet auch beständig danach Unheil zu stiften. Nach seiner Bergung kann mit Müh und Not gerade noch verhindert werden, dass das Flüstern einen Atomschlag auslöst ... just for the fun of it. Diese erste Prüfung bewältigt Travis und schafft es überdies, die entführte "Tangent"-Mitarbeiterin Paige Campbell zu retten. Womit die für Mystery-Thriller so typische Mann-Frau-Konstellation komplett wäre, um sich den weiteren Herausforderungen zu stellen.

    Bücher aus diesem Genre sind klassisches Urlaubslesefutter - das gilt auch für "Die Pforte", das sich allerdings durch eine Reihe origineller Ideen von so manchem aus der Titelflut der vergangenen Jahre angenehm abhebt. Siehe etwa die Rückblenden, in denen wir erfahren, warum Travis überhaupt ins Gefängnis kam - die sind keine bloße Pflichterfüllung, sondern halten tatsächlich einige faustdicke Überraschungen bereit. Und wenn unsere HeldInnen in Zürich in eine Falle ihres Gegenspielers geraten, dann ist diese wirklich bemerkenswert perfide konstruiert - und der Weg heraus ein Tauchgang durch wannenweise Blut. Überhaupt ist Lee in Sachen Gewalt nicht eben zimperlich: Travis etwa schießt einem Gegner gezielt die Augen weg, und spätestens wenn Paige an ihren Entführern und Folterern professionell durchgeführte Rache nimmt, wird auch sie niemand mehr für das zarteste Pflänzchen unter der Sonne halten.

    Sehr sympathisch und bei einem US-amerikanischen Autor keineswegs selbstverständlich ist außerdem der Umstand, dass die USA hier mal nicht stellvertretend für die ganze Welt auftreten, sondern dass "Tangent" ein Projekt ist, an dem die gesamte internationale Staatengemeinschaft beteiligt wurde (1978 war Jimmy Carter Präsident, da könnte man's fast sogar glauben) - was es so ganz nebenbei zur größten Verschwörung aller Zeiten macht. Und zwischendurch bleibt auch noch ein wenig Platz, sich über Genreklischees wie die Last-Minute-Rettung lustig zu machen - etwa wenn Travis erfährt, dass ein früherer Plan ihres Gegenspielers über viele Jahre hinweg der Vollendung entgegenstrebte, um kurz vor Ablauf der Frist doch noch vereitelt zu werden: "Drei Stunden", sagte Travis. - "Drei Stunden." - "Fällt sehr schwer, das zu glauben." - "Ja", sagte Paige. - "Ist fast schon unmöglich, das zu glauben."

    Wichtiger ist aber ein ganz anderer Umstand: Was Mystery- und Verschwörungsthriller oft so unbefriedigend erscheinen lässt, ist der Umstand, dass die betreffenden AutorInnen erst ein Riesenfass aufmachen und dann nix damit anzufangen wissen. Was wurde da nicht schon alles ans Licht geholt: Vom Heiligen Gral über das Goldene Vlies und die Arche Noah bis hin zu apokryphen Evangelien im Ausmaß eines Bibliothekskatalogs ist so ziemlich jeder mythenbeladene Gegenstand schon verbraten worden, viele davon mehrfach. Auf der wissenschaftlichen Seite wären es die Weltformel, die unerschöpfliche Energiequelle und was nicht gar - und dazu gesellen sich dann noch Dinge, auf die überhaupt kein vernünftiger Mensch kommen würde, vom übersinnlichen Musikstück bis zum Schachbrett. All diese Dinge sollen jeweils dazu angetan sein, "die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern" ... allein, sie tun's nie. In aller Regel liegen sie passiv in der Gegend herum, während die VertreterInnen gegnerischer Organisationen um sie rangeln, ohne dass die Öffentlichkeit je davon erfährt. Genausogut könnte man die mysteriösen welterschütternden Objekte durch einen Batzen Geld oder eine Lastwagenladung Kokain ersetzen - die Handlung wäre exakt dieselbe, bloß hieße sie dann einfach nur "Krimi". In "Die Pforte" hingegen greifen die Portal-Entitäten ganz massiv und direkt ins Geschehen ein - und erst am Ende wird sich zeigen, wer hier wirklich die treibende Kraft ist. - Lees Roman würde eine gute Vorlage für einen Film abgeben. Wäre wohl ein B-Movie, aber eines, das sicher Spaß macht.

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