Rundschau: Die Wiederentdeckung des Menschen

    26. März 2011, 10:08
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    Neue Romane und Erzählungen von Cordwainer Smith, Neal Asher, Paolo Bacigalupi, Edmond Hamilton und Sergej Lukianenko

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    coverfoto: heyne

    Cordwainer Smith: "Was aus den Menschen wurde"

    Broschiert, 1052 Seiten, € 13,40, Heyne 2011.

    Hui. Wo soll man nur beginnen, wenn es um einen Giganten wie Cordwainer Smith geht? Noch dazu wo es sich um meinen Lieblingsautor handelt und "The Dead Lady of Clown Town" in meiner persönlichen Wertung den Platz der besten Science-Fiction-Erzählung aller Zeiten einnimmt? Vielleicht zum Start ein paar objektivere biografische Fakten: Der 1966 verstorbene Paul Myron Anthony Linebarger, der als "Cordwainer Smith" ab den 30er Jahren an seinem großangelegten Erzählzyklus um die Instrumentalität der Menschheit arbeitete, teilte einige Eigenschaften mit der im Vormonat vorgestellten Alice B. Sheldon alias "James Tiptree Jr": Die Konzentration auf kurze Formate und ein unverwechselbarer Stil waren bei beiden ebenso zu finden wie das Verbinden von Spiritualität mit Humanismus ... oder die Geheimniskrämerei um die eigene Autoren-Persona und die Scheu vor dem Kontakt mit Fans. Beide hatten eine kosmopolitische Kindheit verbracht, studierten Psychologie und arbeiteten zeitweise für Geheimdienste. Wobei sich Smiths Vita noch spektakulärer ausnimmt: Als US-Amerikaner war er der Patensohn des chinesischen Diktators Sun Yat-sen und später ein Vertrauter von Maos Gegenspieler Chiang Kai-shek, zudem noch außenpolitischer Berater John F. Kennedys.

    Die in zahlreichen Kurzgeschichten und Novellen plus einem Roman geschilderte Welt der Instrumentalität, die sich über einen Zeitraum von zehntausenden Jahren erstreckt, läuft unter dem Begriff "Future History". Sie lässt sich aber alleine schon wegen ihrer Fülle an bizarren Ideen nicht mit anderen Werken des Genres - etwa von Isaac Asimov oder Larry Niven - vergleichen. Wo sonst findet man Menschen, die Tiere zu ihren Ebenbildern umgeformt haben, um sie anschließend wie Gegenstände zu behandeln? Da betreten wir in "Ein Planet namens Shayol" eine Welt der Strafe, deren VIP-Insassen die Demütigung über sich ergehen lassen müssen, dass ihre Körper ohne jede Hoffnung auf Tod ad infinitum überschüssige Organe produzieren und wie Obstbäume abgeerntet werden. Zugleich schwelgen die Bestraften dabei so sehr in chemisch induziertem Glück, dass sie hemmungslos weinen, als ein Befreiungskommando sie aus ihrer Qual erlösen will. Da liegen auf der Oberfläche der Welt Altnordaustralien/Norstrilia wie schnaufende Hügel die kranken Körper gigantischer missgestalteter Schafe, aus denen die Unsterblichkeitsdroge Stroon gewonnen wird. Und Norstrilia schützt sich gegen Diebe, indem es sie durch telepathisch verstärkte Gedankenimpulse einer Meute tobsüchtiger Nerze in den Irrsinn treibt ("Die klainen Katsen von Mutter Hudson"). Die schrecklich patenten FarmerInnen sind der festen Überzeugung, dass Arbeit den Charakter formt - doch zugleich hat Stroon sie so unermesslich reich gemacht, dass einer ihrer Bürger mal eben Mutter Erde aufkaufen kann. In genau kontrollierten Dosen hat Stroon den Menschen galaxisweit zu einer standardisierten Lebensspanne von 400 Jahren verholfen - wie alles in dieser Zukunftswelt streng reglementiert durch die Lords und Ladies der Instrumentalität, die sich dem Glück der Menschheit verschrieben und sie genau dadurch ins Unglück gestürzt haben.

    Smiths Werk quillt geradezu über vor surrealen Szenen, die die ProtagonistInnen ebenso nachhaltig beeindrucken wie die LeserInnen: Da schildert ein Veteran, wie China als letzter verbliebener Nationalstaat der Erde Millionen nackter Männer, Frauen und Kinder über der Venus abwarf, um diese per Hand zu kolonisieren ("Als die Menschen fielen"). Ein anderer hat nie so recht begriffen, dass die Instrumentalität seinen Heimatplaneten mit einem winzigen Raumschiff auslöschte, weil er sich nur noch an die 90 Millionen Kilometer lange Attrappe erinnern kann, die als Ablenkung über seiner Welt erschien ("Golden war das Schiff - oh, so golden!"). Der junge Cashier O'Neill sammelt Unterstützung, um den Diktator seiner Heimatwelt zu stürzen ("Planet der Edelsteine"): Eine zumindest anfänglich klassische Abenteuerhandlung, doch in Erinnerung bleiben Bilder wie das von dem Pferd, das durch Stroon unsterblich gemacht und zugleich jeden Lebenssinnes beraubt wurde. In einer eigens für es geschaffenen Illusion galoppiert es schließlich über eine virtuelle Gnadenweide und jubiliert darüber, dass es den Menschen vertraut hat ... Oft erinnern Cordwainer Smiths Geschichten an Träume, die in sich vollkommen konsistent erscheinen, sich nach dem Erwachen aber dem Zugriff des logischen Denkens zu entziehen beginnen.

    Anstatt von einer "History" sollte man vielleicht besser von einer "Future Mythology" sprechen. Nicht umsonst hat SF-Herausgeber John J. Pierce ein 1975 geschriebenes Essay, das dieser bislang umfangreichsten deutschsprachigen Smith-Sammlung als Vorwort vorangestellt wurde, im Original mit "Cordwainer Smith: The Shaper of Myths" betitelt. Und wie es Sagenkreise - vom Mahabharata über die Bibel bis zum Silmarillion - so an sich haben, sind sie lückenhaft und manchmal in sich widersprüchlich. Pierce hat auch eine in unserem Zeitalter beginnende Zeittafel der Instrumentalität angefertigt, die zwar für diese Ausgabe nicht übernommen wurde, die aber ohnehin spätestens mit der handlungschronologisch dritten Erzählung ("Modell Elf") in Konflikt gerät. Die Lücken in Smiths Schaffen, das auch nie zu einem Abschluss gebracht wurde, mögen manche LeserInnen frustrieren, sind zugleich aber stete Quelle der Faszination. In so gut wie jede Erzählung fließen geheimnisvoll klingende Begriffe ein, die gerade dadurch die Fantasie beflügeln, dass sie oft ungeklärt bleiben: Wer sind die Heillosen, die in den ersten Jahrtausenden nach unserem Zeitalter zusammen mit den mechanischen Manshonyaggers eines längst versunkenen "Sechsten Deutschen Reiches" durch die Wildnis zwischen den letzten Städten streifen? Wer waren die Daimoni, die einst von der Erde auswanderten und sie bei einem Kurzbesuch mit dem unzerstörbaren Erdhafen beschenkten, der vom Magma unter der Erdkruste bis in die Stratosphäre reicht? Und woher kamen die telepathisch kommunizierenden Tiere, die vor der Gründung der Instrumentalität auf Erden lebten und Erzählungen wie "Modell Elf" oder "Die Königin des Nachmittags" wie Fabeln erscheinen lassen ... und wohin sind sie später wieder verschwunden?

    Die inhaltlichen Widersprüche wiederum werden gegenstandslos, wenn man Smiths Werk weniger als Geschichtsschreibung der Zukunft denn als Sammlung von Sagen mit immer wiederkehrenden Motiven betrachtet. Eines davon ist die Feindlichkeit des Weltraums, des Auf-und-Hinaus, für das der Mensch nicht gemacht ist: Schon in "Modell Elf" schreckt ein Telepath vor dem endlosen Himmel zurück, der sein Bewusstsein in sich hineinzuziehen versucht. In der berühmten Erzählung "Scanner leben vergebens", Smiths erster Veröffentlichung, kann die Raumfahrt nur durch den Einsatz verurteilter Krimineller, der Habermänner, bewältigt werden, deren untote Körper gegen die "Große Qual des Weltraums" immun sind. Überwacht werden sie durch Scanner wie Martel, die den Prozess der "Entzweischneidung von Gehirn und Leib" freiwillig durchlaufen haben und als Preis für ihren elitären Status nur kurzfristig und mit technischer Hilfe menschliche Empfindungen zurückerlangen können, wenn sie "unter den Draht gehen".

    Die Technologien wechseln im Lauf der Jahrtausende: Auf tausende Kilometer breite Photonensegler folgen Planoformschiffe, die hinab in den Weltraum2 tauchen, während noch später auch der geheimnisvolle Weltraum3 erschlossen wird. Doch die Mechanismen sind stets dieselben: Bedrohliche Kräfte lauern im Kosmos auf den Menschen, treiben Reisende in den Selbstmord oder zu Gewalttaten ("Denk blau, zähl bis zwei") oder manifestieren sich als Energie-Drachen, gegen die die Go-Kapitäne der Planoformschiffe Lichtstecher und deren tierische Kampfpartner ins Feld führen ("Das Spiel Ratte und Drache"). Und auch die beiden allerersten Besuche in Weltraum2 und Weltraum3 enden für den jeweiligen Pionier beinahe mit dessen Tod. Die beiden betreffenden Erzählungen ("Der Colonel kehrte aus dem Nimmernichts zurück" und "Das trunkene Schiff") liegen handlungschronologisch etwa 10.000 Jahre auseinander, in Wahrheit handelt es sich bei der einen um eine posthum veröffentlichte Alternativversion der anderen - der Nebel, der sich durch Smiths Werk zieht, verdichtet sich damit und einmal mehr gleicht es den Sagen und Märchen unserer Welt, deren Motive und Charaktere auch so gut wie niemals zu einem eindeutigen Ursprung zurückverfolgt werden können.

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