Operntänzchen um eine muntere Leiche

27. Februar 2011, 19:26
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Premiere von Giacomo Puccinis "Der Mantel" und "Gianni Schicchi": Dem regieführenden Direktor des Hauses, Robert Meyer, gelingt solides, bisweilen witziges Musiktheater

Wien - Wenn eine Leiche - genauer: der Darsteller eines fast die ganze Opernzeit jenseitsblass im Bett liegenden Dahingeschiedenen - keinesfalls weniger Schlussapplaus erhascht als die lebenden Figuren, muss das nicht unbedingt als Kompliment für Regie und Darsteller begriffen werden. Theoretisch könnte genau das Gegenteil eines Kompliments im Spiel sein; nämlich der Vorwurf, die Personenführung des Inszenierenden habe dermaßen ausgelassen, dass sogar eine recht starre Leiche den Vergleich mit den an sich munteren Figuren nicht zu scheuen bräuchte.

An der Wiener Volksoper ist jedoch eine andere Applauserklärung zwingender: Der inszenierende Volksoperndirektor Robert Meyer hat zumindest bei Giacomo Puccinis Gianni Scicchi eine Testamentsbetrugskomödie zwar konventionell, in ihren personellen Details jedoch so genau erarbeitet, dass die Spuren seiner Slapstickideen auch noch an dem leblosen, nur ein paar Mal effektvoll an einer Kastentür baumelnden, reichen Buoso Donati (Hermann Lehr) zu erkennen waren.

Meyer hat das Erbheuchlerchaos auch insgesamt auf engem Zimmerchenraum (Bühnenbild: Christoph Cremer) flott organisiert: All die kollektiven Wechsel zwischen aufgesetzter Trauer und echtem Zorn über die Nichterwähnung im Testament des Toten wurden zu einer munteren Stunde charakterlicher Selbstentblößungen geformt. Das tadellose Ensemble der Gierigen (u. a. mit Sebastian Reinthaller als Rinnucio und Bernarda Bobro, die ihre Arie als Lauretta geschmackvoll absolviert) dominierte natürlich der schlaue Schicchi.

Theatral wendig

Martin Winkler verleiht dieser Figur, die sich für Buoso (wird im Kasten versteckt) ins Bett legt, um ein neues Testament zu diktieren, mit allen Mitteln der humorigen Deftigkeit (auch vokal) abendfüllendes, theatral wendiges Profil, womit der Operndoppelabend letztlich die Kurve ins Qualitätsvolle kratzte.

Zuvor nämlich - bei Puccinis tragisch angelegter Kurzoper Der Mantel - fühlte man sich nur selten mit impulsivem Musiktheater beschenkt. In dieser im Schiffsarbeitermilieu sich zutragenden Eifersuchtstragödie muss man vielmehr bis zum letalen Finale ausharren, um etwas Unmittelbarkeit zu erhaschen. Bevor Schleppkahnbesitzer Michele (eindringlich Sebastian Holecek) aber Luigi (Michael Ende, punktuell vokal etwas zu sehr gefordert) erstickt, da er ihn als Liebhaber seiner Giorgetta (solide Melba Ramos) outet, erstarrt Meyers Regie zu oft zum kostümierten Arienabend im düsteren Hafenambiente.

Dirigent Enrico Dovico und das Volksopern-Orchester weckten zunächst mit diskret-flächigem Sound Hoffnungen. An exponierten Stellen allerdings wurden ihnen später die heiklen akustischen Grundverhältnisse des Hauses mitunter zum Verhängnis (etwas derb klingt es); und bisweilen fehlt es an Elastizität, um Puccinis Schmelz elegant zum Durchbruch zu verhelfen. Auch in dieser Hinsicht besserte sich die Lage bei Schicchi. (Ljubiša Tošić, 28. Februar 2011)

Vorstellungen: 1., 3., 6., 10., 17., 20. und 23. März, Karten: 01/513 15 13, jeweils 19.00

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    Martin Winkler (als Schicchi) und die gierige Erbfamilie in Puccinis Oper "Gianni Schicchi".

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