"Proteste wurden jahrelang im Netz vorbereitet"

22. Februar 2011, 18:13
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Bereits seit zwei Jahren beobachten Klagenfurter Forscherinnen die arabische Online-Plattform Mideast Youth

Sie untersuchen, welche Rolle der Cyberspace bei der Politisierung der Jugend spielte.

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Die Videos aus Libyen seien extrem brutal, postet Esra'a und bittet zugleich darum, den Link zu verbreiten, um der Welt von den "Massakern" zu berichten, zu denen offizielle Medien keinen Zugang haben. Leena meldet sich mit einem "Brief einer besorgten bahrainischen Bürgerin" , in dem sie Passagen aus dem Koran zitiert und zum Zusammenhalt aller Bevölkerungsgruppen aufruft, um das Land gemeinsam zum Positiven zu verändern. Nissim Daham, ein in den USA lebender Israeli, der mit einer Ägypterin verheiratet ist, sinniert aus der Ferne über die Umwälzungen.

Unter dem Dach der Online-Plattform "Mideast Youth" treffen sich junge Intellektuelle aus dem gesamten arabischen Raum, von Marokkanern bis hin zu Pakistani. Aber auch User aus Israel und westlichen Ländern nutzen das Blog- und News-Netzwerk, das 2006 von der damals 20-jährigen Studentin Esra'a al-Shafei aus Bahrain gegründet wurde. "Das Internet ist für uns die einzige Möglichkeit, frei zu sein" , sagte die Cyber-Aktivistin.

Seit nunmehr zwei Jahren beobachtet ein Team rund um Christina Schachtner, Medienwissenschafterin an der Universität Klagenfurt, die Aktivitäten rund um das arabische Netzwerk, in dem neben der aktuellen politischen Lage in der Vergangenheit vor allem Tabuthemen verhandelt wurden: Zensur, die Rechte von Frauen, die Diskriminierung von Migranten, Kurden und Homosexuellen, die Rolle von Religion, Atheismus und Vorstellungen von Demokratie. Mideast-Youth-Blogger schreiben überwiegend in Englisch, es gibt aber auch eine arabische und eine Farsi-Version.

"Die digitalen Netzwerke spielten nicht nur eine wichtige Rolle bei der Organisation der Proteste, sondern generell bei der Entwicklung einer kritischen Öffentlichkeit" , sagt Schachtner. "Der Boden für die Proteste wurde jahrelang in den Internetforen bereitet, wo sich bei vielen das Bewusstsein herausbildete, dass sich etwas ändern muss."

Innerhalb des breit angelegten Forschungsprojekts "Subjektkonstruktionen und digitale Kultur" , das in Kooperation mit Unis in Hamburg, Münster und Bremen durchgeführt und vom Wissenschaftsfonds FWF sowie von der Volkswagen-Stiftung gefördert wird, haben die Klagenfurter Medienwissenschafterinnen die Inhalte und Diskussionen auf Mid-east Youth mittels fokussierter Netzanalyse untersucht und via Skype offene Interviews mit Aktivisten und Bloggern geführt.

"Erste Auswertungen haben gezeigt, dass sich die kritische Online-Öffentlichkeit durch drei Komponenten auszeichnet" , schildert Schachtner. "Erstens wird der Status quo in Politik, Religion und Kultur hinterfragt, die Unterdrückung und fehlende Meinungsfreiheit offen thematisiert. Zweitens werden darüber hinaus gesellschaftliche Visionen entwickelt und drittens Lösungswege gesucht" , fasst die Kommunikationswissenschafterin zusammen. Die jungen Blogger träumen seit langem von einer Diversität vielfältiger Lebensformen anstelle einer einzig möglichen, an der Tradition orientierten Lebensform - ohne jedoch einfach den Westen kopieren oder ganz auf das traditionelle kulturelle und religiöse Erbe verzichten zu wollen.

Bildungsort Internet

"In den digitalen Netzwerken wurden längst Möglichkeiten eines eigenen modernen Wegs debattiert oder auch Fragen wie:Was wäre, wenn Saudi-Arabien seine erste weibliche Präsidentin hätte?" , führt Schachtner an. Als unverzichtbar für kritisches Denken wird Bildung angesehen, wobei die Befragten die Online-Community selbst als Bildungsort betrachten. Daneben besteht ein großer Wunsch nach Öffnung, sowohl innerhalb des arabischen Raums als auch in Richtung westlicher Denk- und Demokratiemodelle.

"Erstaunlich viele Frauen sind in den digitalen Netzwerken aktiv, weil sie hier eine Stimme haben und zum politisch relevanten Faktor werden können" , sagt Schachtner. "Im Netz hat sich ein Zwischenreich eröffnet: Man kann von der Privatsphäre aus agieren und ist zugleich mit der ganzen Welt vernetzt. Internetcafés sind außerdem oft die einzigen Orte, wo sich Frauen und Männer gemeinsam aufhalten können."

Während weltweit die Internetnutzung zwischen 2000 und 2010 um 444 Prozent stieg, betrug die Steigerung im arabischen Raum 1825 Prozent. In Bahrain waren etwa im Jahr 2010 88 Prozent der Bevölkerung online, in den Arabischen Emiraten 75,9 - in Österreich waren es knapp 75 Prozent.

Schachtner zufolge entwickelte die Mideast-Youth-Gemeinde - die auch mit Facebook, Twitter und Co vernetzt ist - immer mehr Selbstbewusstsein und suchte dabei auch den Weg aus dem virtuellen Raum auf die Straße. So nahm die Kampagne Free Kareem - gegen die Inhaftierung des regierungskritischen ägyptischen Bloggers Kareem Amer im Jahr 2007 - ihren Ausgang auf Mideast Youth. 2010 wurde das Schwester-Portal Crowdvoice gegründet, quasi ein App für Aktivisten, die neueste Infos zu Protesten verknüpft. Der Zugang wird seit Beginn der Aufstände immer wieder blockiert.

Nach wie vor dient der Cyberspace auch als Schutzraum, betont Schachtner: "In den Interviews hoben die Netzakteure hervor, dass sie hier Dinge äußern können, über die sie in der Öffentlichkeit nicht sprechen würden." (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 23.02.2011)

=> Digitaler Aktivismus von China bis Russland



China: Die Angst des Regimes vor Mikroblogs

"Wenn sie die Meinungen der Internet-User in China kennen, dann bekommen sie einen Eindruck von Meinungsfreiheit", sagte Dong Yunhu, Vizeminister für Informationsfragen, dem Standard unlängst in Peking. Damals war noch keine Rede von internetgesteuerten Revolutionen. Inzwischen ist die Führung deutlich vorsichtiger geworden, auch im Mikroblogger-Bereich (auf den Dong Bezug nahm). Hatte Peking zuvor noch Blogs mit relativ wenigen Zugriffen (um die 25.000) nicht zensuriert, versucht es heute, alles zu überwachen. Reizwörter wie "Jasmin-Revolution" sind gesperrt, Aktivisten werden verhaftet. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter sind in China ohnehin abgeschaltet. Im November wurde die "Chinese Blogger Conference" erstmals abgesagt, in Hongkong versuchen Aktivisten derzeit eine Government-Leaks-Site für China aufzuziehen. (red)



Iran: Twitter und Youtube als Sprachrohr

Unmittelbar nach den Präsidentenwahlen vom Juni 2009, mit der Mahmud Ahmadi-Nejad auf umstrittene Weise eine weitere Amtszeit erhielt, brachen Massenproteste aus, bei denen Twitter und Youtube eine zentrale Rolle spielte. Auf Druck des US-Außenministeriums verschoben die Betreiber von Twitter sogar ein wichtiges System-Update, um die Funktionalität der Internetplattform nicht zu unterbrechen.

Umstritten blieb damals, ob die zahlreichen User tatsächlich Oppositionelle in Teheran selbst waren oder nicht doch in erster Linie Exil-Iraner, die Twitter und Co für ihre Zwecke instrumentalisierten.

Ebenfalls ungeklärt blieb die Echtheit eines Youtube-Videos vom Dezember 2009, auf dem zu sehen ist, wie ein Mann von einem Polizeiauto überfahren und getötet wird. Erst später wurde die Echtheit des Videos in der westlichen Welt angezweifelt. (red)



Georgien: Zwitschereien mit Propaganda-Potenzial

November 2007, zehntausende Bürger versammeln sich in der georgischen Hauptstadt Tiflis, um von Staatspräsident Michail Saakaschwili eine Vorverlegung der Wahlen auf das kommende Frühjahr zu verlangen. Die damals noch neuen Netzwerke Facebook und Twitter spielen eine zentrale Rolle bei der Organisation der Massenproteste. Bei Polizeiaktionen gegen die Oppositionellen warnen sich diese gegenseitig via Twitter vor Straßenblockaden und spielen mit der Exekutive zeitweise Katz und Maus.

2008 und 2009, während des georgischen Kriegs gegen Russland wegen der von Tiflis abtrünnigen Provinzen Südossetien und Abchasien, wird die Brisanz von Twitter endgültig erkannt. Für einige Stunden legen "patriotische Hacker" in Russland das Netzwerk weltweit lahm und schränken damit die Kommunikation der Oppositionellen stark ein. (red)



Aserbaidschan: 17 Monate Haft für einen Esel auf Youtube

Ein als Esel verkleideter junger Mann parodiert in einem Youtube-Video den verschwenderischen Umgang der Regierung mit den Öleinnahmen.

Der Clip bescherte den beiden aserbaidschanischen Internetaktivisten Emin Milli und Adnan Hajizade 17 Monate Haft. Eigentlich hätten es 30 werden sollen. Auf internationalen Druck - sogar US-Präsident Barack Obama intervenierte beim Präsidenten Ilham Alijew - erlangten sie ihre Freiheit im November 2010. Ihr offizielles Vergehen: Körperverletzung und Hooliganismus. Die Blogger wurden in einem Wirtshaus verprügelt, erstatteten Anzeige - und wurden selbst festgenommen.

Bereits 2005 begann Milli als Erster in Aserbaidschan, seine Kritik in Form von Videoclips ins Netz zu stellen. "Über Facebook erreiche ich mehr Menschen als über die Oppositionszeitungen", so der Aktivist. (red)



Russland: Mit Blogs gegen die Allmacht in Moskau

Als das russische Fernsehen die ersten Bilder vom Terroranschlag am Flughafen Domodedowo sendete, hatte sich die Nachricht bereits Stunden zuvor in der russischen Blogosphäre verbreitet. Sogar Präsident Dmitri Medwedew soll zuerst aus Blogs vom Attentat erfahren haben.

Längst haben Blogs, von denen es in Russland rund drei Millionen aktive geben soll, den behäbigen und gelenkten Staatsmedien den Rang abgelaufen.

Blogger decken Korruptionsfälle auf und prangern Missstände an. Zivilgesellschaftliche Protestbewegungen, wie etwa die sogenannten Blauen Eimer, die gegen die Allmacht der Blaulichtfahrzeuge auf den Moskauer Straßen kämpfen, fanden im Internet ihren Ausgang. Oppositionelle nutzen Miniblogs wie Twitter, um Demonstrationen für die Gewährleistung der Versammlungsfreiheit zu organisieren. (red)

 

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    Ein feiernder Demonstrant auf dem Tahrirplatz in Kairo hält einenLaptop in die Höhe: Soziale Netzwerke sind das Vehikel für den Widerstand gegenautokratisch regierte Länder rund um den Globus.

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