Shakespeare tanzt Amok

22. Februar 2011, 17:50
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"Dirty Rich": Puristisches Tanztheater im Dschungel Wien

Wien - Rauchschwaden und Dämmerlicht: Im Halbkreis sitzen die Zuschauer um eine karge Bühne. Lediglich ein vollgeschriebenes Banner und ein paar schwarze Lederwürfel bilden die Kulisse. Aber sobald die drei Darsteller die Szene betreten, legen sie los, tanzen wirr und präzise zugleich, wälzen sich am Boden, stützen sich gegenseitig in neue Positionen.

Mit Dirty Rich verknüpft Regisseur Michael Pöllmann Tom Lanoyes und Luk Percevals Shakespeare-Bearbeitung (über den Aufstieg von Richard III.) und den Amoklauf, der sich 2009 in der deutschen Stadt Winnenden ereignete. Die Parallelen zwischen der Rede der Figuren im Drama und den Äußerungen des Schülers Tim K. hätten danach geschrien, kombiniert zu werden, erklärt Pöllmann den Hintergrund des Stückes. Sowohl Richard III als auch Tim K. fühlten sich minderwertig und töteten aus Verzweiflung. So entstanden zwei Handlungsstränge, die sich immer wieder überlagern und am Ende kaum mehr voneinander zu trennen sind.

Unkonventionell wie der Inhalt ist auch der Text. Vulgäre Ausdrücke unterbrechen Shakespeare-Dichtung. Tim K.s Zitate werden einmal ruhig vorgelesen, dann wieder laut inszeniert. Offenbar, um die beiden Handlungsebenen weiter zu verwirren, sprechen die Darsteller auch noch eine Deutsch-Englisch-Mischung: Dieses ständige Switchen, um Jugendlichkeit zu demonstrieren, wäre aber gar nicht nötig.

Außerdem ist Sprache nebensächlich, das Stück beruht primär auf Bewegung. So drückt Protagonist Rich (Jakob Beubler) Verzweiflung und Intrige oft nonverbal, nur durch Körperarbeit, aus.

Auch Maria Spanring und Florian Kaufmann tanzen ihre Rollen der ablehnenden Zeitgenossen eher, als sie sprechen. "Nur wenige" , sagt Choreografin Bärbel Strehlau, "beherrschen beides." Für die Tanzszenen hat sie zeitgenössische Musik gewählt, die nicht Mainstream ist, aber das teils historische Stück zuverlässig ins Heute transportiert. Der Stoff ist aktueller denn je. (Lisa Marie Arnold, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Februar 2011)

Weitere Termine: 23. Februar sowie täglich von 9. bis 12. Mai

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