Warnschüsse

18. Februar 2011, 19:19
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Die Araber kämpfen weiterhin für ihre Revolution – auch in Ägypten

Die einen in der arabischen Welt träumen noch von ihr, andere kämpfen unter Einsatz ihres Lebens für sie - und die anderen haben sie bereits gewonnen, fürchten aber, sie wieder zu verlieren: die Revolution. Zwar feierten am Freitag die Menschen in Kairo ihren Sieg über Hosni Mubarak, aber ein paar andere, jene, die "ihren Präsidenten ehren wollen" , trauten sich ebenfalls wieder aus ihren Löchern. Kein Wunder: Auch in der Regierung sitzen noch immer diejenigen, die ihm bis vor einer Woche die Hand geküsst haben.

Sie setzen darauf, dass die Ägypter und Ägypterinnen trotz ihres von Tunesien inspirierten Aufstands noch immer eine geduldige und leicht zu manipulierende Masse sind. Ihr musste man etwas vor die Füße werfen - und der Diktator war ja ohnehin fällig. Und jetzt ist der "Übergang" angesagt, in dessen Schatten noch immer einiges zu retten sein wird. Und wohin er führt, wird man noch sehen.

Aber wie in Tunesien nach dem 14. Jänner, so ist auch in Ägypten eine neue Ära des politischen Bewusstseins angebrochen. Schon vor dem Freitag, der die erste Woche der Post-Mubarak-Ära abgeschlossen hatte, feuerten jene, die außerhalb Ägyptens als Galionsfiguren des Wandels angesehen werden - einfach deshalb, weil man sie kennt -, die ersten öffentlichen Warnschüsse ab, so etwa Mohamed ElBaradei, aber auch der Schriftsteller Alaa al-Aswani in diesem Standard. Er teilt hier seine Sorge mit, dass die Konterrevolution bereits im Gange sei.

Damit zerbrechen wieder einmal mehrere Illusionen. Viele hatten sich vom ägyptischen Beispiel quasi ein zukünftiges Handbuch dafür erhofft, wie auch in anderen arabischen Ländern der Abgang des Diktators und der Übergang zu einem neuen System institutionell organisiert werden könne. Die Armee spielt in diesem Szenario eine große Rolle. Aber nun sieht man ganz deutlich, dass selbst eine Armee wie die ägyptische, die zur menschenfreundlichen Entität hochstilisiert wurde, nicht als alleinige Managerin eines solchen Vorgangs taugt.

Ihre Rolle hat sich dabei nach dem Umsturz nicht geändert: Sie sitzt da und macht vor allem - nichts. Aber sie kontrolliert den Spielraum der anderen Akteure, ganz wie auf dem Tahrir-Platz. Beispiel Verfassungskommission: Die ist an sich in Ordnung, aber sie kann nicht das tun, was sie sollte. Die Verfassungsartikel, die sie ändern darf, sind ihr von der Armee vorgegeben. Es sind dieselben, die noch Mubarak in seiner letzten Rede zur Novellierung freigegeben hat.

Die Revolutionäre schwören nun, sich ihre Revolution nicht stehlen zu lassen. Wahrscheinlich werden unter dem Druck der Straße immer wieder kleine Zugeständnisse gemacht werden - wie die Verhaftung des früheren Innenministers typischerweise kurz vor den Freitagsdemonstrationen. Aber diese Gesten allein werden den Ägyptern nicht den neuen Staat bescheren, den sie zu Recht verlangen.

Und die anderen arabischen Revolutionen? Wenn nicht soeben Menschen dabei stürben, wäre es zum Lachen: über den Westen. Da geht es jetzt endlich los gegen den immerbösen Gaddafi - und gleichzeitig gegen den bisher guten Inselkönig, der auf die Demonstranten schießen lässt und in dessen Hauptstadt die USA das Hauptquartier ihrer 5. Flotte haben. Was werden sie tun, wenn Saudi-Arabien Bahrain zu Hilfe eilt? In der Tat, das Erdbeben im Nahen Osten wird keinen Stein auf dem anderen lassen. (Gudrun Harrer /DER STANDARD, Printausgabe, 19.2.2011)

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