Suche nach dem Index für Lebensqualität

17. Februar 2011, 18:53
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Das Bruttoinlandsprodukt als wichtigstes Wohlstandsmaß bekommt Konkurrenz

Unfall auf der Wiener Südosttangente. Zwei Fahrzeuge krachen in einer unübersichtlichen Kurve zusammen. Ein Lenker wird leicht verletzt, die Rettung rückt aus. Ein Pkw ist demoliert, der zweite schrottreif: Es ist großer Schaden entstanden. Aber es gibt auch eine andere Sicht auf das Geschehen: Das kaputte Auto muss in der Werkstatt repariert werden. Der Rettungswagen braucht Sprit von der Tankstelle. Der Schrottplatz, am Ende auch ein Neuwagenhändler, freuen sich über einen neuen Kunden.

Es mag zynisch klingen, aber Unfälle kreieren Umsätze und steigern damit die Wirtschaftsleistung eines Landes, als Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Das BIP ist nach wie vor die zentrale Messgröße für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes. Einer, der auszog, um diesen "BIP-Fetisch" zu beenden, ist der kahlköpfige Brite Andrew Oswald. Wer seinen Worten lauscht, meint zunächst, es mit einem liebenswürdigen Esoteriker zu tun zu haben. Oswald sagt gern Sätze wie: "Das BIP ist überbewertet. Was wir messen müssen, ist Wohlbefinden, den Wert sozialer Beziehungen und unseres Glücks."

Vor ein paar Jahren wäre Oswald, der an der Warwick-University Ökonomie unterrichtet, als Spinner abgetan worden. Doch er findet inzwischen Gehör. In Großbritannien hat Premier David Cameron Ende 2010 seine Statistiker damit beauftragt, noch heuer einen Index zu entwickeln und abzufragen. Erstmals wird der Staat umfassend Wohlbefinden und Zufriedenheit seiner Bürger messen. Oswald sitzt in der Kommission des Premiers.

Der deutsche Bundestag hat eine Enquete ("Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" ) eingesetzt, um nach BIP-Alternativen zu suchen, auch Eurostat tüftelt. Aber was treibt die Politik so plötzlich an? Die Kritik am BIP ist nicht neu. In akademischen Kreisen wird seit Jahrzehnten bemängelt, dass Wachstum wenig über Wohlstandsverteilung und Zufriedenheit aussagt. Umweltprobleme blendet die Kennziffer völlig aus. Wer einen Wald im Amazonas abholzt, befeuert das BIP.

Suche nach Alternativen

Dass die Politik jetzt fieberhaft nach alternativen Modellen sucht, hat für Marleen Desmedt, führende Eurostat-Beraterin, zwei Gründe: Die Krise und Joseph Stiglitz. Die astronomischen Wachstumszahlen zwischen 2002 und 2007 und der darauffolgende Absturz, hätten gezeigt, dass das BIP allein kein verlässliches Kriterium sein kann. Zu diesem Ergebnis kam auch die von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy eingesetzte Kommission unter der Führung von Stiglitz. Der Stiglitz-Report empfiehlt, stärker auf Kriterien wie das verfügbare Einkommen der Haushalte abzustellen und den Wert sozialer Netze zu berücksichtigen.

Die Umsetzung der Ideen schreitet vor allem in Frankreich voran. Das Thema ist auf der Agenda der französischen G-20-Präsidentschaft. Die G-20-Finanzminister kommen heute, Freitag, zu ihrem ersten größeren Treffen in Paris zusammen.

National hat das statistische Zentralamt Insee in Paris erste Stiglitz-Indikatoren aufgegriffen. Insee hat Einkommen, Sparquote und Konsum der Haushalte erhoben und die Daten auf die BIP-Werte hochgerechnet. Die Ergebnisse zeigen zum Beispiel die Bedeutung sozialer Transferleistungen. Das reichste Fünftel der französischen Gesellschaft hat ein fünfmal höheres Einkommen, als die ärmsten 20 Prozent. Wird der Wert der Gesundheits- und Bildungsleistungen einbezogen, reduzieren sich die Unterschiede auf den Faktor drei.

Aber wohin geht die weitere Reise, steht am Ende wirklich ein Weltglücksindikator? Hier gehen die Meinungen auseinander. Andrew Oswald ist überzeugt: "In fünf bis zehn Jahren werden sich die Schlagzeilen in den britischen Nachrichten nicht ums BIP drehen. Die Meldung des Tages wird sein, dass unser Wohlbefinden rückläufig ist."

Bei Eurostat ist man vorsichtiger. Ziel ist es, noch heuer acht Parameter zu Wohlbefinden (etwa Lebensbedingungen, Sicherheitsgefühl) zu finden, die künftig neben dem BIP stehen sollen. "Einen Teil der Daten gibt es schon, wir werden sie nur anders präsentieren" , sagt Marleen Desmedt.

Eurostat will künftig aber auch neue Fragekataloge über die sozialen Netze entwickeln. Die Statistiker könnten bald nach der Zahl der Freunde, Familienbindungen und der Betätigung in Vereinen fragen. So gesehen, wird sich dann die Mitgliedschaft in einem Schachklub doppelt auszahlen. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 18.2.2011)

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