Gaddafis Polizei knüppelt Proteste nieder

17. Februar 2011, 21:43
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Oppositionelle berichten von Dutzenden Toten am "Tag des Zorns"

Zum Tag des Zorns in Libyen sind tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen das Regime von Gaddafi zu protestieren. Die Sicherheitskräfte gingen hart gegen die Opposition vor. Laut Opposition gab es Dutzende Tote.

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Tripolis/Kairo - Zum Tag des Zorns war auf Facebook für den Nachmittag, das heißt nach dem Gebet um 15.30 Uhr, aufgerufen worden. Die Kampagne war vor Wochen gestartet worden, um einer Abschaltung des Internets zuvorzukommen. Mit dem Aufruf zu den Demonstrationen wurden auch gleich Rezepte mitgeliefert, wie man die Folgen von Tränengas lindern kann. 213 Oppositionelle unterzeichneten einen Appell, in dem sie die untragbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zustände anprangerten und das Recht auf freie Meinungsäußerung bei friedlichen Demonstrationen verlangten.

Nach unbestätigten Angaben der Oppositionszeitung Libya al-Youm wurden am Donnerstag Dutzende Menschen in Libyen getötet. Allein in der Stadt Al Bayda seien 35 Menschen getötet worden. Zahlreiche Tote soll es auch in der Stadt Bengasi gegeben haben. In Bengasi zogen bis zum Abend Gruppen von Männern durch die Straßen, die Slogans riefen wie "Das Volk will den Sturz des Regimes" und "Geh weg, Gaddafi, es reicht".

Auf Amateurvideos, die von Einwohnern der Stadt im Internet veröffentlicht wurden, waren zahlreiche Schwerverletzte zu sehen sowie Männer, die aus Seitenstraßen mit Steinen auf gepanzerte Fahrzeuge der Polizei warfen.

Der 17. Februar ist nicht zufällig gewählt worden. Vor fünf Jahren starben nach brutalen Polizeieinsätzen 14 Menschen bei Demonstrationen vor dem italienischen Konsulat in Bengasi aus Anlass der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen, vor sechs Jahren kam es ebenfalls in Bengasi zu einem öffentlichen Aufbegehren von Oppositionellen.

Gestern, Donnerstag, nahmen dann tausende Menschen an Demonstrationen in Tripolis, Bengasi und anderen Städten teil.

"Das Volk wird die Korruption beenden"

Die Demonstranten forderten Demokratie und Menschenrechte und verbrannten Gaddafi-Bilder. "Das Volk wird die Korruption beenden" oder "Das Blut der Märtyrer wird nicht umsonst sein", skandierten die Menschen. Mit der Verhaftung von Demokratie-Aktivisten hatte das Regime von Muammar Gaddafi frühzeitige Demonstrationen provoziert.

In mehreren Städten des Landes war es bereits in der Nacht zum Donnerstag zu ersten Protesten gekommen, die von der Polizei mit Tränengas, Knüppeln und Salven mit scharfer Munition niedergeschlagen wurden. Zeugnisse dieser Ereignisse sind Videos im Internet, die etwa das von Rauch geschwärzte Polizeigebäude in der Stadt Al Bayda im Osten des Landes zeigen. Der lokale Polizeikommandant wurde entlassen. Ärzte klagten über einen Mangel an medizinischem Material.

Die Libyer haben in der ganzen Region am wenigsten Freiheiten. Die Infrastruktur ist in einem prekären Zustand, das Gesundheits- und das Erziehungswesen einem Zusammenbruch nahe. Die Arbeitslosigkeit ist mit 30 Prozent doppelt so hoch wie in Tunesien oder Ägypten. "Das libysche Volk ächzt nach Leben" , fasste ein Blogger diese Umstände zusammen.

Mit Einschüchterung - etwa nicht mit ausländischen Medien zu sprechen - aber auch mit dem Versprechen auf Reformen und der Entlassung von 110 Angehörigen einer verbotenen radikalen islamistischen Gruppierung hat die Regierung versucht, die Proteste zu verhindern. Sie organisierte Gegendemonstrationen, die vom staatlichen Fernsehen geschickt ins Bild gesetzt wurden. In Bengasi kam es zu Zusammenstößen zwischen Regimegegnern und Schlägertrupps.(Astrid Frefel/DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2010)

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    Pro-Gaddafi-Demonstranten am Donnerstag in Tripolis.

  • Auf Youtube 
wurden anonyme Videos veröffentlicht, die Demonstrationen und 
Straßenkämpfe in Bengasi und anderen Städten zeigen. Auch Anwälte gingen
 auf die Straße und forderten eine neue Verfassung.
    screenshot: standard

    Auf Youtube wurden anonyme Videos veröffentlicht, die Demonstrationen und Straßenkämpfe in Bengasi und anderen Städten zeigen. Auch Anwälte gingen auf die Straße und forderten eine neue Verfassung.

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