"Wollen Silicon Valley der Erneuerbaren werden"

17. Februar 2011, 11:59
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Die Emirate wollen mit der Ökostadt Masdar City beweisen, dass es selbst in der Wüste möglich ist, CO2-neutral zu leben - Mit dem Chef der Immobilienentwicklung, Alan Frost, sprach Günther Strobl in Abu Dhabi

STANDARD: Wer hatte als Erster die Idee, eine Ökostadt in der Wüste zu bauen?

Frost: Das waren die Leute von Mubadala, der staatlichen Investmentfirma von Abu Dhabi. Man hat erkannt, dass beim geplanten Umstieg von einer kohlenstoffbasierten auf eine wissensbasierte Wirtschaft der Ausbau erneuerbarer Energien das Um und Auf ist.

STANDARD: Nach der Devise klotzen statt kleckern?

Frost: Es gibt viele gute Technologien auf dem Gebiet, aber alle weit verstreut. Wir sind dabei, das Beste vom Besten zusammenzuführen, um hier eine Art Silicon Valley der erneuerbaren Energien zu etablieren.

STANDARD: Sie sind schwer in Verzug gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan?

Frost: Auch uns hat die Wirtschaftskrise getroffen. Wir haben im Februar 2008 mit den Bauarbeiten begonnen und wollten ursprünglich 2016 alles fertig haben. Jetzt gehen wir davon aus, dass wir das zwischen 2021 und 2025 hinbekommen. Wir sind etwas realistischer geworden und passen uns den Marktgegebenheiten an.

STANDARD: Das Nullemissionsziel ist noch aufrecht?

Frost: An den ursprünglichen Visionen hat sich nichts geändert.

STANDARD: Und Sie glauben tatsächlich, dass Masdar City 2025 mit seinen dann voraussichtlich 40.000 Einwohnern und 50.000 Tagespendlern CO2-neutral ist?

Frost: Das ist das Ziel, ja.

STANDARD: Um wie viel teurer gegenüber einer konventionellen Bauweise ist energiesparende Architektur mit engen Gassen und schattigen Plätzen wie in Masdar?

Frost: Zu Beginn des Projekts 2008 war der Markt total überhitzt. Zudem war damals in der Region kein umweltverträgliches Baumaterial erhältlich. So haben wir tatsächlich etwas mehr ausgeben müssen, als unter normalen Umständen nötig gewesen wäre.

STANDARD: Das Neue muss nicht unbedingt teurer sein?

Frost: Spezielle Materialien mit spezifischen Eigenschaften kosten natürlich mehr. Sobald aber eine Lieferkette aufgebaut ist und sich mehr und mehr Anbieter am Markt matchen, gehen auch die Stückkosten hinunter. Daran arbeiten wir gerade.

STANDARD: Masdar City wirkt wie ein Fremdkörper in einer Region, wo Energiesparen ein Fremdwort zu sein scheint?

Frost: Das hier ist ein Experimentierfeld, keine Frage. Andererseits ist Masdar City Teil der Vision von Abu Dhabi, bis 2030 den Umstieg in eine wissensbasierte Ökonomie zu schaffen.

STANDARD: Wer sind die Leute, die nach Masdar City ziehen werden?

Frost: Ich glaube, ein großer Teil wird Expats sein, viele Unternehmen werden sich hier niederlassen.

STANDARD: Werden die Wohnungen vermietet?

Frost: Ja, zumindest in den kommenden fünf Jahren ist geplant, dass wir den Grund und die Immobilien selbst besitzen und an Interessenten weitervermieten.

STANDARD: Wie viele Leute leben derzeit in Masdar City?

Frost: Rund 100 Studenten und Professoren. Kommendes Jahr, wenn der zweite Schwung an Gebäuden errichtet wird, entstehen weitere 220 Apartments. Ende 2012 werden die ersten Nichtstudenten einziehen.

STANDARD: Es gibt Wohnungen, Shops, Forschungseinrichtungen. Wie sieht es mit Entertainment aus?

Frost: Auch Kino und Theater wird es geben. Zunächst hatten wir uns um die Basiseinrichtungen zu kümmern, die die Studenten brauchen wie Supermärkte, Coffeeshop, Banken, Reisebüros. Es gibt den Wunsch nach mehr Einzelhandel. Ich sehe aber beispielsweise keinen Bedarf an exklusiven Geschäften hier in der Stadt.

STANDARD: Glauben Sie, dass Masdar City Schule machen wird?

Frost: Ich hoffe es. Das Ziel ist ja, das Ganze auf eine globale Ebene zu heben.

STANDARD: Aber als Blaupause kann man das nicht nehmen, oder?

Frost: Das nicht. Aber wir können die Erfahrungen, die wir hier machen, mit anderen teilen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2011)

Alan Frost ist seit Februar 2010 als CEO von Masdar City mit der Immobilienentwicklung in der nahe des Flughafens von Abu Dhabi gelegenen Ökostadt betraut. Zuvor war der gebürtige Australier unter anderem für Babcock & Brown tätig, eine australische Investmentbank.

  • Alan Frost, Direktor von Masdar City.
    foto: masdar

    Alan Frost, Direktor von Masdar City.

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