Bengasi war nie die Stadt Gaddafis

16. Februar 2011, 19:10
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Vereinzelt hatte es in Libyen bereits rumort, die ersten handfesten Proteste fanden in der Nacht zum Mittwoch in Bengasi statt. Obwohl damit nicht das Zentrum der Macht Gaddafis erschüttert ist, reagiert er nervös.

Wenn es wo losgeht, dann in Bengasi: Dass die Stadt am Mittelmeer traditionell keine große Liebe zum "Bruder Führer" Muammar Gaddafi hegt, ist bekannt. Viele der bekannteren libyschen Exiloppositionellen stammen aus Bengasi, ebenso in Libyen inhaftierte Islamisten. 1969 hatte der junge Offizier Gaddafi dort nur wenig Unterstützung für seinen Militärputsch gegen König Idris II. gefunden, die Stadt wurde danach durch Marginalisierung bestraft.

In Bengasi kam es in der Nacht auf Mittwoch denn auch zu den ersten ernsthaften Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten nach tunesisch-ägyptischem Vorbild. Vereinzelte Unruhen soll es in Libyen bereits in den letzten Wochen gegeben haben, Gaddafi reagierte mit Lebensmittelpreissenkungen. Und obwohl mit Bengasi nicht das Zentrum der Macht erschüttert wird, nimmt er die Proteste doch so ernst, dass er die Freilassung von 110 Gefangenen ankündigte, Mitglieder einer verbotenen islamistischen Gruppe.

Die aktuellen Proteste hatten sich an der Festnahme eines Menschenrechtsanwalts, Fethi Tarbel, entzündet, der die Familien von etwa 1000 Häftlingen vertrat, die bei einer Revolte im berüchtigten Gefängnis Abu Salim in Tripolis 1996 von Sicherheitskräften erschossen worden waren. Es waren offenbar vor allem diese Familien, die mit Steinen und Brandbomben bewaffnet vor lokale Regierungsgebäude zogen, Polizeiautos in Brand steckten und der Polizei Gefechte lieferten. Manche Berichte sprechen von ein paar hundert Demonstranten, andere von 2000. Ein Krankenhausarzt berichtete von dutzenden Verletzten.

Wie immer in Libyen wird alles unter der Decke gehalten, die Staatsmedien berichteten von Gaddafi-freundlichen Kundgebungen, auch in Bengasi. Am Mittwoch war es dort offenbar ruhig. Per Facebook riefen Demonstranten für Donnerstag jedoch zu einem "Tag des Zorns" auf.

Zersplitterte Opposition

Gaddafi, der ja der Meinung ist, dass das Volk Libyen regiert, vielleicht weil er sich selbst für das Volk hält, hat laut BBCangedeutet, dass er beim "Tag des Zorns" selbst mitmarschieren könnte. Mit 42 Jahren an der Macht ist der 68-Jährige der Rekordhalter unter allen arabischen Langzeitstaatschefs. Im Land hat er eine kleine demokratische Opposition, deren prominentestes Gesicht der oftmals inhaftierte Fathi al-Jahmi ist.

Im Ausland gibt es eine stark zersplitterte, großteils säkulare Oppositionsgruppe, die National Front for the Salvation of Libya (NFSL), über die Informationen über Menschenrechtsverletzungen im Ausland publik werden. Dazu gehört die Diskriminierung der ethnischen Minderheiten, die bis zum Jahr 2007 keine nichtarabischen Namen führen durften.

Die größte Gefahr für das Regime waren jedoch immer die Muslimbrüder beziehungsweise davon abgespaltene Gruppen, die bereits in den 1970er-Jahren gegen Gaddafis kreative Islam-Auslegungen opponierten. Mitte der 1990er-Jahre kam es öfter zu islamistischen Angriffen - unter anderem auch auf Gaddafi selbst, der bei einem Anschlag verletzt wurde. Hatte der Staat in den ersten Jahren hart zurückgeschlagen, so ist in den vergangenen Jahren eine Änderung der Taktik festzustellen, vor wenigen Jahren wurden islamistische Führer freigelassen.

Das schwerstens repressive Libyen gilt unter Experten eher nicht als Land für einen schnellen Umsturz, weil Gaddafi mit den Erdöleinnahmen jene Stämme, die er zur Stützung seines Regimes braucht, ruhigstellen kann.

Libyen ist dabei ein klassischer Fall für eine mögliche Erbfolge: Mit den Unruhen steigen wohl - wenn alles nach Gaddafi-Plan geht - die Chancen für Saif al-Islam wieder, den Freund von Jörg Haider, der als modern und reformfreudig gilt, aber eine Zeitlang marginalisiert war. Ein von ihm organisiertes Konzert von Bob Geldof 2007 endete in Jugendtumulten. Das war ebenfalls in Bengasi. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2011)

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    Das sehen die Libyer im Staatsfernsehen: Brave Bürger - laut Twitter werden sie dafür bezahlt - demonstrieren für ihren Revolutionsführer.

  • Die Regimegegner sieht man jedoch nicht.
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    Die Regimegegner sieht man jedoch nicht.

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