Paris ist "angefressen"

16. Februar 2011, 12:29
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In Paris lässt es sich gut leben, denkt man. Doch wenn man Millionen Ratten als Untermieter hat, kann man genauso gut nach Bangladesch ziehen

Rémy ist eine ganz ordinäre Ratte. Mit einer Ausnahme: Sie kann sprechen und träumt von der großen Karriere als Küchenchef. Spätestens seit dem Film "Ratatouille" weiß man, Paris ist ein Rattenparadies. Die Hommage an die glanzvolle Großstadt verblasst, wenn Le Parisien kürzlich die Bewohner der Seine-Metropole mit zwei Zahlen aufschreckt: Im Zentrum von Frankreichs Hauptstadt leben - Nummer eins: vier Mal so viele Ratten wie Menschen, - Nummer zwei: sechs Millionen nämlich und damit um 40 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren.

Der kalte Winter, aber auch der sinkende Pegelstand der Seine nach dem Hochwaser treibt die die Nager mehr als sonst aus den Kanalsystemen an die Oberfläche, aus den heruntergekommenen Banlieues ins Zentrum der Stadt. Kritische Stimmen machen die vielen Baustellen mitverantwortlich. So soll zum Beispiel die aufwändige Modernisierung des Bahnhofs Saint-Lazare die Ratten aufschrecken und es sei nur verständlich, sie sogar in Ministerien, Edelrestaurants oder Luxushotels anzutreffen. Französische Zeitungen berichten selbst über Ratten im Elysée-Palast. Die Schäden sind enorm. Jeder vierte Brand wird mittlerweile durch angefressene Stromkabeln verursacht. Parkanlagen mussten für Besucher geschlossen werden, um hunderte Fallen und Köder aufzustellen.

Vor drei Jahren ging man in einer Kampagne sogar so weit, die Bewohner zu ermuntern, ihre Nachbarn zu denunzieren, wenn sie die "Pest" duldeten und nichts gegen die Plage unternahmen. "Der nahende Frühling ist die touristenstärkste Jahreszeit in Paris und Paarungszeit für die Ratten", so Jean-Roch Gaillet, Leiter der Veterinärabteilung in der Pariser Stadtverwaltung, der sich eine Wiederholung der Kampagne vorstellen kann.

"Die Tiere sind schmutzig und verbreiten Krankheiten, wie Fieber, Muskelentzündungen, Typhus und Tuberkulose", erklärt Catherine Perry, Chefin des Pariser Gesundheitsamts.

Per Gesetz sind mittlerweile Restaurants verpflichtet, Rattenköder aufzustellen. Eine Supermarktkette musste immer wieder einige Standorte wegen der Eindringlinge kurzzeitig schließen. Aber auch unter den Mitarbeitern verbreitet sich seit Jahren tierische Wut: Aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen „zwischen Mäusen und Ratten" stapeln sie schon mal tote Nager vor ihrer Filiale.

Profite dagegen sehen naturgemäß Schädlings- und Hygienefirmen. Die beiden größten, Avipur und SOS nuisibles kommen mit den Aufträgen kaum nach. Nähere Angaben wollen beide auf Anfrage allerdings nicht machen.

Wien liegt im Übrigen in punkto "Rattenbefall" im untersten Bereich der Welt-Hauptstädte. "Auf jeden Bewohner kommen aufgrund der Rattenverordnung statistisch gesehen 0,5 bis eine Ratte", sagt Michael Singer, Innungsmeister für Schädlingsbekämpfung in Wien. "Da ist New York mit 15 Ratten pro Kopf wesentlich schlimmer dran." Von Bangladesch gar nicht zu reden. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 16.2.2011)

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    Paris ist eine tierliebe Stadt.

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