Claus Peymann über Bernhard-Kritiker: "Zwergenaufstand"

8. Februar 2011, 13:22
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Der Theater-Regisseur im ORF-"Kulturmontag": "Diese Lemuren sind ja wirklich nur einfach und sonst gar nix"

Wien - Eine Erregung in Bernhard-Manier leistete sich Theater-Regisseur und Intendant Claus Peymann als Gast der ORF-Sendung "Kulturmontag". Nach einem Beitrag, in dem Kritiker Thomas Bernhards wie Daniel Kehlmann, Franz Schuh, Werner Schneyder und Sigrid Löffler zu Wort kamen, sprach Peymann, der derzeit den Bernhard-Text "Einfach kompliziert" im Akademietheater inszeniert, von einem "Zwergenaufstand". Bernhard sei "einfach und kompliziert" gewesen, "aber das ist doch ganz wunderbar. Da können doch diese Herrschaften, diese Lemuren nur davon träumen, die sind ja wirklich nur einfach und sonst gar nix."

In der Einspielung "Thomas Bernhards Lieblingsfeinde - Was wiegt sein literarisches Werk heute?" erneuerten bekannte Bernhard-Kritiker ihre Urteile über den österreichischen Schriftsteller, der am 9. Februar 80 Jahre alt geworden wäre. Bernhard habe die "totalitäre Sprache, das flächendeckende Urteil, die undifferenzierte Diffamierung in der österreichischen Literatur sehr populär gemacht, und da ist natürlich ein absoluter Brückenschlag nicht zu übersehen zu faschistoiden Politikformen", so Werner Schneyder.

Erinnert wurde auch an den Satz des Essayisten und Philosophen Franz Schuh: "Thomas Bernhard hat seine Skandale wie Werbefeldzüge angelegt." Bernhard sei  "längst eingerückt in die Weltliteratur", gestand die Literaturkritikerin Sigrid Löffler dem Schriftsteller zu, allerdings sei er letztlich doch "verkommen zum großen Stänkervirtuosen". Für den jungen Schriftsteller Daniel Kehlmann sie Bernhard die "gemütliche Variante" von Karl Kraus, hieß es in dem Beitrag.

"Man ist traurig, wenn man so etwas hört", reagierte Peymann, einst ein enger Vertrauter Bernhards auf die Statements: "Man hat aber auch das Gefühl, dass daraus ganz stark der Neid spricht, also bei Schuh oder Kehlmann hundertprozentig, sehen sie die Trauben, die für sich selber zu hoch hängen. Über Schneyder will ich jetzt in dem Zusammenhang gar nicht reden, er soll ein bissl mehr Boxkämpfe kommentieren (...) und nicht die Literatur."

Bernhard sei eine vielfältige Persönlichkeit gewesen, die den Gestus des Großgrundbesitzers auch aus Existenzängsten gepflegt habe, so Peymann. Es sei "bezeichnend, dass diese Herrschaften, die wir eben gesehen haben, das immer unter dem Aspekt sehen des Verkaufs und des Kommerzes. Das spricht ja aber eben gegen diese Leute, die das immer als Marktstrategie sagen, weil sie gar nicht anders denken können." Bernhard habe nicht "irgendeinen Skandal mit 'Heldenplatz' gemacht, damit die Leute 'Auweh' schreien, sondern es ist echte Empörung", erklärte der Theater-Regisseur.

Bernhard sei eine "hochgradig widersprüchliche Figur gewesen", "ein vielfältiger komplizierter Mann". Dass der Schriftsteller in der ganzen Welt "eine Kultfigur geworden ist, das ist doch eigentlich das Erstaunliche und das Schöne, dass Kunst das kann und dass eine Person das in sich in den ganzen Widersprüchen fokussiert", so Peymann. Der Bernhard-Regisseur weiter: "Warum sollen wir denn immer diese schrecklichen Vereinfacher haben?" (red)

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    Immer für eine Erregung gut: Claus Peymann.

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