Mit Klimawandel kann man gesünder werden

6. Februar 2011, 22:56
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Der Klimawandel bedroht unsere Lebensgewohnheiten – andererseits wäre eine Haltungsänderung ohnehin von Vorteil - von Ian Roberts

Gesünder leben in einer veränderten Welt, das könnte uns aufgezwungen werden.

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Der Kampf gegen den Klimawandel birgt ungeahnte Möglichkeiten für die Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen. Die Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen versprechen einen signifikanten Rückgang von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krankheiten der Atemwege, Krebs, Fettleibigkeit, Diabetes, Depression sowie Unfalltoten und -verletzten.

Diese gesundheitlichen Nutzen stellen sich ein, weil Klimapolitik notwendigerweise zwei wichtige Einflussfaktoren auf die menschliche Gesundheit berührt: Ernährung und Bewegung. Die Existenz dieser gesundheitlichen Nutzen läuft auf eine dramatische Reduzierung der Nettokosten von Klimapolitik an sich hinaus - was im Umkehrschluss bedeutet, dass ein fehlendes Verständnis dieser Zusammenhänge schwerwiegende Konsequenzen für die Umwelt haben könnte.

Wenn die Zielvorgaben im Verkehrswesen eingehalten werden sollen, bedeutet dies nicht nur eine verminderte Nutzung des Autos, sondern auch eine vermehrte Fortbewegung zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Basierend auf epidemiologischen Befunden, die körperliche Aktivität mit Gesundheit verbinden, würde die daraus resultierende Zunahme der körperlichen Aktivität chronische Krankheiten dramatisch reduzieren: cirka 10 bis 20 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle, 12 bis 18 Prozent weniger Brustkrebs und acht Prozent weniger Demenz.

Eine Verringerung der Nutztierhaltung zur Beschränkung von Methanemissionen von Rindern und Entwaldung würde die menschliche Gesundheit weiter verbessern. Weniger Nutztiere bedeutet weniger tierische Produkte in unserer Ernährung, was unseren Konsum von schädlichen gesättigten Fettsäuren beschränken und Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 30 Prozent reduzieren würde. Eine reduzierte Aufnahme von Fleisch verringert auch den Vorfall von Darmkrebs - nach Lungenkrebs die häufigste Krebsart bei Männern.

Klimawandelpolitik führt zu einer besseren Ernährung und mehr körperlicher Aktivität und damit zu einer dramatischen Reduzierung von Krankheiten, die für Hunderte von Millionen Menschen weltweit einen vorzeitigen Tod oder eine Körperbehinderung zur Folge haben. Mehr als eine Milliarde Erwachsene sind übergewichtig, 300 Millionen fettleibig, davon auch mehr als ein Drittel der US-Bevölkerung.

Wenn sich die momentanen Trends fortschreiben, werden neun von zehn Erwachsenen in den entwickelten Ländern bis 2050 übergewichtig oder fettleibig sein. Auch in Ländern mit mittlerem Einkommen wird der Körpermaßindex (BMI) stetig steigen. Das wird das Risiko von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen und Krebs erhöhen.

Aber auch in den Entwicklungsländern besteht ein Risiko. Mexiko zum Beispiel wird bei dem Thema Fettleibigkeit nur noch von den USA übertroffen. Die Zunahme von Diabetes als Folge der allgemein zunehmenden Fettleibigkeit der Bevölkerung verursacht eine Epidemie chronischer Nierenerkrankungen in einem Land, in dem nur eine von vier Personen auf medizinische Versorgung hoffen darf.

Die Erfahrung Kubas in den 1990er-Jahren zeigt es: Während einer Energiekrise hat sich der Anteil der aktiven Bevölkerung unter den Erwachsenen mehr als verdoppelt. Der durchschnittliche BMI fiel um 1,5 Prozentpunkte, Fettleibigkeit verringerte sich von 14 auf 7 Prozent um die Hälfte. Als Todesursache fiel Diabetes um 51 Prozent, Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 35 Prozent, Schlaganfall um 20 Prozent.

In einer Welt ohne Kohlendioxid gäbe es zudem weniger Hunger. Im April 2008 forderte Evo Morales, der Präsident des armen und zunehmend unter Hunger leidenden Bolivien "la vida primero, los autos segundos" (zuerst das Leben, dann die Autos) und ermahnte die reiche Welt, beim Autofahren keine Nahrung mehr zu verbrennen - Stichwort Biosprit.

Aber Kraftfahrzeugnutzung und Nahrungsmittelpreise waren schon lange vor dem Biokraftstoff untrennbar verwoben. Autofahren treibt die Nahrungsmittelpreise in die Höhe, weil Öl ein wichtiges Produktionsmittel der Landwirtschaft ist. Solange sich die Landwirtschaft nicht aus ihrer Abhängigkeit vom Öl befreit, liegen die Benzintanks der reichen Länder und die Mägen der armen Länder im Wettstreit, gefüllt zu werden.

Ein Programm zur Reduzierung von Kohlenstoffen, das alle großen Bereiche der Energienutzung berücksichtigt, kombiniert mit einem verringerten Verbrauch von tierischen Produkten, würde Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen signifikant verbessern. Wenn Verhandlungsführer und Entscheidungsträger über die Kosten für die Abschwächung der Folgen des Klimawandels beraten, können sie es sich nicht leisten, diesen enormen Wert zu übersehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2011)

Ian Roberts ist Professor für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit an der London School of Hygiene & Tropical Medicine und Autor von "The Energy Glut: the Politics of Fatness" in an Overheating World. Copyright: Project Syndicate, 2011. Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust.

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