Politische Risikoprämie kehrt in Schwellenländer zurück

4. Februar 2011, 18:31
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Anleger ziehen wegen der Unruhen in Ägypten Geld aus Fonds ab. Die Krise in Kairo zeigt, dass Investoren in Schwellenländern politische Risiken eingehen

Analysten betonen die Anlagechancen bei einem Umsturz.

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Wien - Noch vor wenigen Wochen galt Ägypten als ökonomisches Vorzeigeland. Das Land ist Teil der "N-11", der "next eleven". Diese elf Schwellenländer hätten laut der US-Großbank Goldman Sachs das größte Potenzial für hohes Wachstum. Sie wurden als die Nachfolger der "BRICs", der Wirtschaftsgiganten Brasilien, Russland, Indien und China, gefeiert. Die Folge: Fonds und Zertifikate auf die N-11 wurden aufgelegt.

Doch die politischen Unruhen in Ägypten haben die Träume vieler Anleger vorerst erschüttert. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 20 Prozent an der Börse in Kairo zu Buche. Der ägyptische Finanzminister warnte vor nicht absehbaren ökonomischen Folgen der Proteste. In den vergangenen Tagen haben Unternehmen vom Getränkehersteller Coca-Cola bis zum Zementkonzern Lafarge Mitarbeiter aus dem Land abgezogen.

 

Investoren sehen die Situation in Ägypten kritisch. Laut dem Branchendienst EPFR floss in der vergangenen Woche so viel Geld aus Nordafrika-Fonds wie seit 2007 nicht mehr. Insgesamt zogen Anleger aus Aktienfonds in Schwellenländern knapp sieben Mrd. Dollar ab. Zahlreiche N-11-Produkte haben im Jänner mehr als zehn Prozent verloren.

Doch Analysten sehen die Lage mitunter weniger drastisch. Ankur Agarwal und Ankit Kuma von der japanischen Großbank Nomura sehen zwar noch keine deutliche Kaufmöglichkeit in Kairo. "Es ist einfach zu früh, konkrete Schlüsse zu ziehen." Doch würden zahlreiche Beispiele zeigen, dass politische Umstürze durchaus positiv von Börsen aufgenommen werden, etwa in Pakistan 2008 oder in Indonesien 1998.

Unruhen und Aktienmärkte

Analysten der Citigroup gehen einen Schritt weiter: Es gebe einen "überraschend schwachen Zusammenhang" zwischen politischen Unruhen und den Aktienmärkten. Ob in Thailand 2006 und 2010 oder beim versuchten Coup in Venezuela 2002, "politische Unruhen sind nicht mit hohen Verlusten an Aktienmärkten gleichzusetzen", sagt Andrew Howell. Am Jahresende 2010 lag der Marktwert der ägyptischen, gelisteten Aktien noch bei 60 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der heimische Leitindex ATX hat einen Marktwert von knapp 70 Mrd. Euro. Der direkte Effekt der Krise in Ägypten ist damit relativ gering. Laut Daten von MSCI macht Ägypten nur knapp ein Prozent am globalen Aktienindex der Schwellenländer aus.

Doch indirekt könnte Ägypten mehr Gewicht bekommen. Denn steigende Ölpreise aufgrund der hohen Bedeutung des Suezkanals für den Transport treiben global die Inflation an. Nach dem jüngsten Anstieg der Lebensmittelpreise befeuert Öl damit die Teuerung zusätzlich. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.2.2011)

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    Ein Schiff wird kommen? Im Land am Suezkanal warten Investoren derzeit vergeblich auf positive Wirtschaftsnachrichten.

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