Pum: "Jetzt ist der Druck bei den anderen"

4. Februar 2011, 17:57
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ÖSV-Sportdirektor Hans Pum über den Zustand und die Aussichten des österreichischen Teams vor der WM-Eröffnung am Montag

Standard: Fällt es schwer, sich auf das Geschäft zu konzentrieren, auf das WM-Medaillensammeln in Garmisch-Partenkirchen?

Pum: Man hat das im Kopf, keine Frage. Auf der anderen Seite geht alles weiter. Wir können jetzt nur schauen, dass alles bestens organisiert ist, dass die Vorbereitungen laufen.

Standard: Wenn man derzeit über den Skisport redet, muss man über Unfälle reden. Was machen Sie, um die Angst aus den Köpfen zu bringen? Werden Psychologen öfter eingesetzt als sonst?

Pum: Jeder hat die Möglichkeit, jederzeit über uns einen Psychologen zu bekommen. Der Chef unseres Psychologen-Pools ist seit Jahren Günter Amesberger. Die einzelnen Athleten haben aber auch selber Vertraute, mit denen sie arbeiten. Und die Trainer sind auch intensiv damit beschäftigt, man redet jetzt viel mehr als sonst. Unfälle, Ausfälle und Verletzungen schweißen die Mannschaft ganz anders zusammen. Wir wissen, dass wir da durchmüssen. Und jeder Athlet kennt das Risiko.

Standard: Ist es Zufall, dass es zuletzt so viele Österreicher erwischt hat, Hans Grugger, Mario Scheiber, Georg Streitberger?

Pum: Unsere Mannschaft ist mit sehr viel Selbstvertrauen und Siegeswillen nach Kitzbühel gekommen aufgrund der Ergebnisse in Bormio und Wengen. Dann ist gleich der Sturz vom Hans passiert. Auf diesem Teil ist er im Vorjahr Bestzeit gefahren, er wollte sich im Hinblick auf die WM präsentieren. Und nachher war sicher die Konzentration bei dem einen oder anderen nicht mehr so groß. Man muss in der Abfahrt nicht nur topfit, sondern auch voll konzentriert sein.

Standard: Macht es für einen Profi einen Unterschied, ob es einen Teamkollegen oder zum Beispiel einen kanadischen Arbeitskollegen erwischt?

Pum: Man ist immer betroffen, egal, ob es sich um einen Amerikaner oder Kanadier oder wen auch immer handelt. Erwischt es einen Teamkollegen, trifft es dich noch viel mehr. Man darf nicht vergessen, dass die Athleten mit ihren Kollegen mehr zusammen sind als mit ihren Lebenspartnern. Sie trainieren und reisen miteinander, teilen die Zimmer.

Standard: Unfälle im Weltcup sind öffentlich. Gibt es die Zahl jener, die sich das Knie zerstören auf dem Weg in den Weltcup und deshalb ihre Karriere beenden müssen?

Pum: Keine Frage, dass passiert hin und wieder. Aber die Karrieren werden in diesem Alter selten von Verletzungen beendet. Die, die sich verletzten, werden vielleicht nicht so erfolgreich, wie sie werden könnten, weil es dann eine Zeit dauert, bis man auf dem Level vor der Verletzung ist.

Standard: Sie sind ja quasi schon ewig in diesem Geschäft. Kommen heute weniger Junge in den Rennsport als vor zwanzig Jahren?

Pum: Es sind schon weniger als heute gewesen. Bei den Kids-Cup-Veranstaltungen haben wir in den vergangenen Jahren sogar einen Ansturm gehabt.

Standard: In der Europacupgesamtwertung führt die Österreicherin Jessica Depauli überlegen. Matthias Mayer ist als bester Österreicher Neunter. Was sagen Sie dazu?

Pum: Das muss man differenziert betrachten. Wir haben schon so viele Europacupsieger gehabt, die dann nicht weitergekommen sind. In den Speed-Bewerben sind wir ganz gut aufgestellt, auch im Riesenslalom. Probleme haben wir zurzeit im Slalom. Da haben wir sehr, sehr schwache Jahrgänge. Deshalb liegt jetzt und in Zukunft der Hauptschwerpunkt auf dem Slalom-Nachwuchs. Bei den Damen haben wir den Nachwuchs mit dem Europacup zusammengelegt, da ist Bernd Brunner federführend. Klar ist, dass die technische Ausbildung schon im Kinder- und Schüleralter verstärkt werden muss.

Standard: Was die Sicherheit betrifft, wird oft - auch von Läufern - die Formel 1 als Vorbild genannt, die ihren Sport nach schweren Unfällen radikal sicherer gemacht hat. Kann der Skisport davon überhaupt etwas lernen?

Pum: Formel 1 ist natürlich top, top, top. Aber das ist schwer vergleichbar. Du hast deine Rennstrecken, die Sturzräume, du hast ein Fahrzeug, du hast das Monocoque als Schutz für den Rennfahrer. Bei uns hast du vergleichsweise nichts, nur Netze.

Standard: Was spricht dagegen, im Skisport ein Tempolimit einzuführen, etwa über die Kurssetzung? Es macht ja einen Unterschied, ob man mit 80 oder mit 140 km/h stürzt.

Pum: Sicher. Aber es kommt darauf an, wie man zu der Temporeduzierung kommt. Ich kann nicht nur hin und her setzen. Dann werden die Ski kürzer und die Kurvengeschwindigkeiten höher. Wir fahren jetzt schon längere Strecken als früher. Darum stimmt es nicht, was Renndirektor Günter Hujara gesagt hat. Sicher war in Kitzbühel die Laufzeit länger, aber die Strecke war auch länger. Auch gibt es Pisten, wo du vom Gelände her limitiert bist. Wenn ich in Kitzbühel am Hausberg noch eine Kurve hineinmache, wird es ja noch gefährlicher.

Standard: Man könnte ja sagen, diese oder jene Strecke ist nicht geeignet, weil sie zu gefährlich ist.

Pum: Dann fahren wir aber keinen Klassiker mehr. Dann gibt es Gröden nicht, Wengen nicht, Kitzbühel nicht. Wichtig ist die Pistenpräparierung. Es soll unruhig sein, aber gleichmäßig - nicht so wie in Chamonix. Die Panorama-Kurve, wo es total aus der Fall- linie geht, ist total vereist. Unten kann man keine Tore mehr setzen, sonst ist es keine Abfahrt mehr. Dann sind die Läufer mit einem kürzeren Ski und scharfen Kanten unterwegs, damit sie die Kurve kriegen, und im Gleitteil kommt der Verschneider.

Standard: Was erwarten Sie sich sportlich von Garmisch? Werden die Herren die Schmach von Olympia in Vancouver tilgen, wo sie keine Medaille gewonnen haben?

Pum: Das sollte ja doch erreichbar sein. Es sind natürlich wichtige Leute ausgefallen. Im Super-G fehlt der Weltcupführende Streitberger. In der Abfahrt war grad in Garmisch Scheiber im Vorjahr Zweiter, Grugger war Fünfter. Aber damit müssen wir umgehen. Jetzt ist der Druck bei den anderen. Bei den Damen ist der Druck bei den Deutschen und Lindsey Vonn, wir haben Marlies Schild im Slalom. Bei den Herren hast du im Super-G und in der Abfahrt Didier Cuche, im Riesenslalom Ted Ligety, im Slalom Jean-Baptiste Grange, in der Kombi Ivica Kostelic. Von der Papierform her sind die Goldenen vergeben.

Standard: Glauben Sie an die Papierform?

Pum: Natürlich nicht. Wir werden als Außenseiter punkten. (Benno  Zelsacher - DER STANDARD PRINTAUSGABE 5.2. 2011)

HANS PUM (56), Oberösterreicher aus Sankt Oswald bei Freistadt, arbeitet seit dem Jahr 1977 für den österreichischen Skiverband. Zunächst als Trainer, seit 1996 als Alpindirektor und seit der heurigen Saison als Sportdirektor sämtlicher ÖSV-Sparten.

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    Hans Pum: "Man redet jetzt viel mehr als sonst. Wir wissen, dass wir da durchmüssen. Und jeder Athlet kennt das Risiko."

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