Fromme Wünsche an die Schule

3. Februar 2011, 18:11
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Androschs Volksbegehren kann Sympathien wecken, aber kein Geld lockermachen

Nett, sehr nett. Was Hannes Androsch am Donnerstag als Volksbegehrenstext vorgelegt hat, ist eine Aneinanderreihung frommer Wünsche: Wer wäre nicht für eine Schule, in der alle Kinder mitkommen? Wer hätte ernsthaft etwas dagegen, dass Kindergartenpädagogen universitär ausgebildet werden?

Man muss ohnehin viel mehr Berufe mit einer akademischen Ausbildung aufwerten, wenn man ein weiteres Ziel des Androsch-Programms umsetzen will: 40 Prozent jedes Jahrgangs sollen künftig einen akademischen Abschluss machen - da muss auch ein entsprechender Arbeitsmarkt her, der all die zusätzlichen akademischen Qualifikationen nachfragt. Denn derzeit werden nur 22 Prozent Akademiker, was Androsch und seine Mitstreiter dem Schulsystem anlasten und nicht einem mangelnden Angebot an gut bezahlten Arbeitsplätzen, für die zu studieren es sich auch lohnt.

Das ist ein grundlegender Zug in dem Text des Volksbegehrens: Er unterstellt, dass man nur möglichst viel in das Bildungssystem hineinstecken muss, dann würde schon alles gut werden. "Bildung bestimmt die Zukunft jedes und jeder Einzelnen, somit der Gesellschaft insgesamt und ihres wirtschaftlichen Wohlstandes", heißt es gleich in der Präambel.

Weil offensichtlich etliche Lehrer im Redaktionskomitee gesessen sind, wird die Lehrerschaft ein ums andere Mal gelobt - und ganz in ihrem Sinne wird im Text gefordert und gefordert, gefördert und gefördert. Geld spielt bei Androsch keine Rolle, es ist ja nicht seines, sondern das des Steuerzahlers. Man kennt das - da kann man getrost auch als Lehrergewerkschafter unterschreiben.

Sogar als schwarzer Lehrergewerkschafter: Denn Androschs Team ist es gelungen, die bildungspolitischen Reizworte zu vermeiden, die brave Schwarze verschrecken könnten - wer ein Gegner der Gesamtschule ist, kann ruhig seine Unterschrift hergeben, erwähnt ist ja nur "ein sozial faires Bildungssystem, in dem die Trennung der Kinder nach ihren Interessen und Begabungen erstmals am Ende der Schulpflicht erfolgt". Das bedeutet zwar dasselbe, ist aber leichter verdaulich.

Darauf scheint es den Autoren letztlich anzukommen: alle Forderungen zusammenzuschreiben, die gut und teuer sind, und gleichzeitig alle Kanten abzuschleifen, an denen sich jemand stoßen könnte.

So könnte es gelingen, Unterschriften zu maximieren - was man da genau unterschreibt, will man ja eigentlich eh nicht so genau wissen. Denn das einigende Anliegen ist, die Schule besser zu machen, als sie heute ist - dass das notwendig ist, weiß jeder.

Jeder Fortschritt zählt ein bisschen, also kann man jetzt schon davon ausgehen, dass das Volksbegehren von allen Beteiligten als Erfolg gefeiert werden wird. Gleich nach der Eintragungswoche werden die zuständigen Ministerinnen erklären, dass wichtige Anliegen des Begehrens umgehend umgesetzt werden - was Androsch und die Unterzeichner freuen wird.

Dass für die Umsetzung der großen Forderungen - drei Prozent des BIPs für öffentliche Forschung, Erhöhung der öffentlichen Finanzierung für Erwachsenenbildung auf 40 Prozent des Schulbudgets - noch lange kein Geld da sein wird, wird dabei in den Hintergrund treten. Da wird man lieber die Aufbruchsstimmung feiern, den Bürgersinn, den Wert der Bildung. Nett, sehr nett das alles - aber ohne Finanzierung kaum relevant. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2011)

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