"Sie kommen erst mit dem Rücken zur Wand"

31. Jänner 2011, 15:19
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Der Psychiater Bernhard Mäulen behandelt die Kollegenschaft - Über "Todesspritzen im Kittel" und schwierige Patienten

Sie wachte auf und stellte an sich selbst einen schweren Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung fest: die bekannte, mittlerweile verstorbene, Psychiaterin Elisabeth Kübler Ross ist nur eine von vielen Ärztinnen und Ärzten, die im Laufe ihres Lebens schwer erkranken. Ob Krebs, Schlaganfall, schwere Depressionen oder Sucht - die Vertreter und Vertreterinnen der Heilkunst sind selbst keineswegs vor Krankheiten gefeit. 

Ganz im Gegenteil: Depressionen, Suizidgedanken, Abhängigkeit und ernste Beziehungsprobleme sind die häufigsten gesundheitlichen Probleme unter Medizinern und das nicht seltener als in der so genannten Normalbevölkerung. Spezielle aktuelle Daten für Österreich gibt es im Moment nicht. Dennoch: dass auch Ärzte schwer krank sind, das ist kein alltägliches Thema. Vor rund 15 Jahren haben sich der Wiener Psychiater Peter Gathmann und die Journalistin Claudia Semrau-Lininger in ihrem Buch "Der verwundete Arzt" damit auseinander gesetzt und damit angesprochen, dass insbesondere heilend tätige Menschen für Burn-Out prädestiniert sind. Ein Tabuthema ist das aber selbst untern den Betroffenen, denn sie warten oft viel zu lange bevor sie sich Hilfe holen.

Hilfe nicht in Anspruch nehmen

Erfahrung mit dieser Problematik hat der deutsche Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Bernhard Mäulen. Er hat 1999 das Institut für Ärztegesundheit gegründet. 60 Prozent seiner Klienten sind Kollegen aller möglichen medizinischen Fachrichtungen. Wesentlicher Auslöser für die Gründung des spezialisierten Zentrums war ein persönliches Erlebnis: Ein sehr begabter Studienkollege, mit dem er den größten Teil des Studiums verbracht hatte, beging während seiner Zeit als Assistenzarzt Suizid. "Das war für uns alle unerklärlich, denn er war umgeben von Freunden und Hilfsmöglichkeiten, die er alle nicht genutzt hat - und das hat mich zutiefst erschüttert", schildert Mäulen das Erlebnis, das er in seiner Laufbahn in ähnlicher Weise öfter hatte. Als Chefarzt einer Klinik hatte er später auch viel mit abhängigen Ärzten zu tun. 

Schwierige Patienten

Unterscheidet Ärzte etwas von anderen Patienten? "Sie kommen spät und bagatellisieren im Erstgespräch. Da muss man schon sehr genau nachfragen", berichtet Mäulen. Seine Patienten tun sich schwer in der Rolle der Hilfesuchenden. Oftmals sprächen sie über sich fast wie bei einer Fallkonferenz. Selbstbehandlungsversuche seien keine Seltenheit: "Mal drei Tabletten hiervon oder fünf Tabletten davon - aber selten konsequent und ausreichend."
Die Erschöpfungsdepression (Burnout, Anm.) ist zahlenmäßig die häufigste Erkrankung, mit der die Mediziner ihren Kollegen Mäulen aufsuchen, gefolgt von Alkoholabhängigkeit und Medikamentenmissbrauch, ab und zu kommt auch Betäubungsmittelsucht vor. Immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit - chronische Überlastung - nennt der Psychiater als eine der Komponenten für Burnout, die zweite sei sicherlich auch das hohe Ich-Ideal. "Ich bin Helfer und muss helfen, selbst wenn es mir selber schlecht geht", das sei die Einstellung vieler Mediziner. 

Mäulen engagiert sich schon lange dafür, dass angehende Mediziner bereits an den Unis mit dem Thema konfrontiert werden sollten, sich auch um ihre eigene Gesundheit zu kümmern. Wasser predigen und Wein trinken gehe auf Dauer nicht gut. Der Psychiater kennt viele Kollegen, die trotz Grippe arbeiten oder Kolleginnen, die hochschwanger ordinieren, wenn sie Patientinnen schon längst nachhause schicken würden. Insofern ist die Annahme Ärzte müssten ihre Leiden doch eigentlich schneller erkennen als andere Menschen hinfällig.

Geben und nehmen

Letztlich sind halbwegs intakte Beziehungen ein nicht unwesentlicher Faktor für die psychische Gesundheit. Und eben diese sind in Medizinerkreisen oft nicht gegeben. Beziehungsprobleme, häufig an der Grenze zur Scheidung sind an der Tagesordnung. Es ist ein anstrengender Beruf. Den Einwand es ginge vielen anderen Menschen in ihren Berufen auch so, lässt Mäulen nicht so stehen und erklärt die besondere Problematik: "Jemand, der sich professionell um andere kümmert, kommt nachhause, ist ausgebrannt und möchte gerne versorgt werden. Ist das nicht der Fall, sind Krisen vorprogrammiert." Das Geben im Beruf ist also nicht immer leicht. Genauso wie das Nehmen zuhause. Auch das bringt Ärzte häufig in Therapie.

Gedanken an den Tod

Den Weg ins Institut für Ärztegesundheit finden auch viele suizidgefährdete Kollegen. "Das kommt daher, weil sie erst Hilfe suchen, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen", weiß der Psychiater. Anästhesisten und Psychiater sind am häufigsten betroffen, auch international. Es ist auch eine Geschlechtersache: Laut Erhebungen aus Deutschland sind Ärztinnen fast doppelt so stark suizidal gefährdet. "Viele Kolleginnen, die ich behandle, haben einen ganz besonders hohen Anspruch an sich und auch ein ständiges Schuldgefühl sowohl im Beruf als auch zuhause zu wenig da zu sein."

Medizinisches Fachwissen bis zum Schluss

Tödliche Infusionen, Öffnung einer Arterie mit dem Skalpell, Insulinüberdosierung - für die Wahl der Suizidmethode setzen Mediziner oft bis zuletzt medizinisches Fachwissen ein, zeigen internationale Statistiken. Das erklärt auch warum die Sterblichkeit höher ist als in der Normalbevölkerung. Erstaunlich häufig findet der Suizidversuch nicht im Privaten statt sondern direkt in der eigenen Praxis oder Klinik. "Manche haben im Dienst die Todesspritze im Kittel", weiß Mäulen und interpretiert diese makabre Tatsache so: "Es ist auch eine aggressive Botschaft: 'Schaut mal, was ihr mit mir gemacht habt' und es ist vielleicht etwas Narzisstisches, 'bis zum Schluss bleibe ich Arzt'."

Gefahr für andere

Jemand, der krank ist, ist nicht optimal aufmerksam und leistungsfähig, speziell dann, wenn Sucht oder Depressionen im Spiel sind. Da stellt sich die Frage ob kranke Ärzte eine Gefahr für ihre Patienten darstellen. Im Verhältnis dazu seien die bekannt gewordenen Behandlungsfehler von kranken Ärzten überraschend gering, weiß Mäulen: "Ich habe über elf Jahre suchtkranke Ärzte behandelt, die auch in fortgeschrittenen Suchtstadien waren, wo man reihenweise Kunstfehler vermuten würde. Das war aber nicht so. Sie hatten zwar häufig Konflikte mit der Straßenverkehrsbehörde, Führerscheinverlust. Hatten aber nicht mehr Kunstfehlerverfahren anhängig als der Durchschnitt der Kollegen." Seine Erklärung: Zum Teil liege das daran, dass andere Kollegen im Ernstfall einspringen, Praxispersonal oder Mitoperierende unter die Arme greifen. Manchmal sei das langjährige Routine. 

Erfolgreiche Behandlung

In der Regel dauert die Therapie bei Mäulen und seinem Team ein bis eineinhalb Jahre. Die Behandlung habe durchaus ein klares Ende. "Wenn es gelingt Vertrauen herzustellen und die Botschaft rüberzubringen, Hilfe anzunehmen, wird man auch angenommen", so der Psychiater, "danach können die Kollegen wieder normal leben und arbeiten." (Marietta Türk, derStandard.at, 1.2.2011)

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    Manchmal ist der Griff zur Spritze der letzte verzweifelte Ausweg

  • "Ärzte sprechen über sich selber wie in einer Fallkonferenz", Bernhard Mäulen, Leiter des Instituts für Ärztegesundheit und selbst Facharzt für Psychiatrie
    foto: institut für ärztegesundheit

    "Ärzte sprechen über sich selber wie in einer Fallkonferenz", Bernhard Mäulen, Leiter des Instituts für Ärztegesundheit und selbst Facharzt für Psychiatrie

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