Sicher vielschichtiger geworden

25. Jänner 2011, 17:41
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Das österreichische Forschungsprogramm Kiras versucht das Thema Sicherheit vermehrt auf breiter Basis zu diskutieren - Technologische Antworten werfen rasch neue gesellschaftliche Fragen auf

"Zwei, drei geheime Tastenkombinationen, und schon spielen Sie nicht mehr Tetris, sondern unser Spiel!" Mit diesen Worten und einem verschwörerischen Blick in Richtung Publikum weihte der Informatiker Ernst Piller alle Teilnehmer der Kiras-Fachtagung für Sicherheitsforschung in die Geheimnisse der Steganografie ein. Steganografiert - also versteckt - werden müssten Informationen immer öfter, so der Leiter des Instituts für IT-Sicherheitsforschung an der FH St. Pölten. Vor allem dort, wo nicht einmal der Verdacht aufkommen darf, dass es Geheimnisse gibt: Etwa von Geschäftsreisenden in China, wo lediglich verschlüsselte und demnach noch nachweisbare Geheimbotschaften strafbar sind.

Dass ein Herr vom "Österreichischen Kompetenzzentrum für Steganografie" auf der Kiras-Tagung am 19. Jänner in Wien detailliert ausplauderte, wie auch Geheimdienste brisante Informationen in unverdächtige Urlaubsfotos oder eben in ein PC-Spiel einbetten, ist aber durchaus im Sinne des Erfinders des Sicherheitsforschungsprogramms: Ins Leben gerufen wurde es 2005 vom Infrastrukturministerium - als erstes nationales in der EU. Und es sollten immer offene Geheimnisse sein, die dabei entwickelt werden. Das Spektrum der Projekte reicht heute von Hochwasserwarnsystemen bis hin zu Abwehrmaßnahmen gegen Cyber-Attacken.

Sicherheit als Allgemeingut

Dass die öffentliche Sicherheit immer auch als öffentliches Gut thematisiert werden soll, wird bei einigen Forschungsprojekten besonders deutlich. Was der Videoüberwachung im öffentlichen Raum anfänglich recht unkritisch zugeschrieben wurde - bravere U-Bahn-Fahrer etwa oder gar dadurch eingeschüchterte Terroristen -, hört sich nun deutlich komplexer an. Selbst die Entwickler von technolgiebasierten Lösungen - namentlich die intelligenten Videoüberwacher vom Projekt "iObserve" - schicken voraus, dass die konventionelle Videoüberwachung nicht in der Lage ist, das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung zu steigern. Allerdings sind sie auch davon überzeugt, dass technologische Umsetzungen der nächsten Generation Lösungen bieten könnten. Gegenwärtige Anlagen wären nur noch nicht intelligent genug, um Sicherheitsleute schnell genug über Gefahren zu informieren, so ihre Prämisse. Die Praxis, wahllos Videos aufzuzeichnen, die erst nachträglich ausgewertet werden, sei weder hilfreich noch unbedenklich in Bezug auf den Datenschutz. Der Schluss der Forscher: Semantische, also verstehende Videoüberwachung soll künftig in Echtzeit darüber befinden, ob es sich überhaupt um eine Situation mit Sicherheitsrisiko handelt.

Losgelöst von technologischen Antworten auf Sicherheitsfragen agierte "Susi" in den Jahren 2007 bis 2009. Katharina Miko und Jochen Kugler vom "Kompetenzzentrum für soziale Arbeit" wollten wissen, wie sich die subjektive Wahrnehmung von Sicherheit (also "Susi" ) überhaupt definieren lässt und wessen Sicherheit dabei gemeint ist. Dafür gingen sie mit Polizisten auf Streife und mit Sozialarbeitern auf Tour. Im Rahmen von Beobachtungen und qualitativen Interviews im öffentlichen Wiener Raum - am Karlsplatz, Schwedenplatz, Praterstern und Brunnenmarkt - kamen sie zu zwar zu simplen Schlüssen. Aber in die Planung von sicherheitskritischer Infrastruktur aufgenommen würden diese noch zu selten.

So erleben Menschen ihre Umwelt komplexer als nur sicher oder unsicher, festgehalten wurden den Forschern vier Schattierungen von "unangenehm" bis hin zu "bedrängt" . Unabhängig davon wird aber das zu reduziert gesehene subjektive Sicherheitsgefühl maßgeblich von der Narration (also vom Ruf) eines Platzes beeinflusst. Interessant dabei: Keiner der vier Plätze wurde von den Befragten überwiegend als unsicher wahrgenommen. Und die Videoüberwachung wurde von den "zu Beschützenden" selbst nur dezidiert auf Nachfrage des Teams als möglicher Sicherheitsfaktor angesprochen - mehr Bewegungsspielraum wäre tendenziell eher gewünscht. Mit ins Boot der Sicherheitsforscher nehmen diese Sozialwissenschafter demnach auch Städteplaner. Ob sie ebenfalls mit von der Partie für mehr Sicherheit sind, wird sich heute bei der Kiras-Ausschreibung für kommende Forschungsprojekte zeigen. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 26.01.2011)

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    Fleckvieh in der Filiale? Ob das ein Sicherheitsrisiko ist, soll mit semantischen Videosystemen geklärt werden, meinen Techniker. Sozialwissenschafter fragen eher, wer hier überhaupt beschützt werden soll.

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