Wikipedia hat innerhalb eines Jahrzehnts Institutionen wie den Brockhaus abgelöst

20. Jänner 2011, 11:17
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Vielleicht haben Sie vor zehn oder fünfzehn Jahren studiert und dabei den Brockhaus konsultiert

Vielleicht haben Sie vor zehn oder fünfzehn Jahren studiert und dabei den Brockhaus konsultiert. Wahrscheinlich hätten Sie es für unmöglich gehalten, dass dieses Wissen künftig von Millionen Freiwilligen rund um die Welt zusammengetragen wird und dass es zum Nachschauen weder einer (entfernten) Bibliothek noch tausender Euro für die Bücher braucht.

Wikipedia, das heute meistbenutzte Nachschlagewerk der Welt, ist zehn Jahre alt und erfüllt genau diese Anforderungen: Kostet nichts und ist rund um die Uhr geöffnet. Innerhalb eines Jahrzehnts hat es so alt-ehrwürdige Institutionen wie den Brockhaus abgelöst.

Drei Facebook-Gründer auf der Forbes-Milliardärsliste

Das Wunder (im Sinne von: unerwartet, und unerwartet positiv) dieser Entwicklung ist zweifach. Erstens, dass eine große Zahl von Menschen Zeit und auch Geld in einer gemeinsamen Anstrengung für andere investieren. Es zeigt eine Seite unseres Handelns, die wir in einer Ära von schnellem Geld (Stichwort: Drei Facebook-Gründer auf der Forbes-Milliardärsliste) leicht übersehen: gemeinnützige Kooperation. In vielen sozialen Bereichen ist dies selbstverständlich, Wikipedia hat das Konzept ins digitale Zeitalter übertragen.

Darauf beruht auch die Grundstruktur des Webs, da WWW-Erfinder Tim Berners-Lee den Großmut und die Weitsicht hatte, seine Rechte in einer gemeinnützigen Stiftung einzubringen. Womit nichts gegen den Nutzen kommerzieller Entwicklungen gesagt sein soll, nur eben, dass letztere ohne erstere nicht denkbar sind.

Das zweite Wunder ist die Demokratisierung von Wissen, im Sinne von: Mehr Menschen als je zuvor sind an der Sammlung und Verbreitung beteiligt, und dies ohne beaufsichtigende, formale Strukturen wie den Universitäten. Das erklärt vielleicht auch, warum sich viele Unis dagegen sperren, dass ihre Studierenden Wikipedia in Arbeiten zitieren (die Verwendung lässt sich nicht verhindern).

"Wikiversum" der vergangenen Jahrhunderte

Die Universitäten waren quasi das . Mit einem wesentlichen Unterschied: Der Einschränkung des Zugangs zum "Herrschaftswissen" durch Regeln, wer in diesem "Universum" Wissen produzieren und verteilen durfte (z. B. nur Akademiker, die jahre- und jahrzehntelang im Uni-System sozialisiert wurden und dabei verschiedene "Grade" haben).

Diese Rolle bleibt wichtig, denn auf absehbare Zeit werden Wikipedia oder ähnliche Initiativen kaum originäres Wissen produzieren, sondern präsentieren, was wissenschaftliche Forschungsstätten entdecken und entwickeln. Darum sollten Unis das Wikiversum umarmen, statt es zu bekämpfen: Sie könnten zur Verbesserung des enthaltenen Wissens beitragen, auch im eigenen Interesse. Schließlich beruht die Fähigkeit vieler Menschen, heute aktive Wissensproduzenten zu sein, auf dem Erfolg des wissenschaftlichen Weltbildes.

Für diese Revolution der Wissensvermittlung würde den Gründern Jimmy Wales und Larry Sanger ein Nobelpreis gebühren. Das heißt, wenn das Nobelkomitee bereit wäre, über den Schatten der Universitäten zu springen.(helmut.spudich@derStandard.at, DER STANDARD Printausgabe, 20. Jänner 2011)

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