Kritiker des Offshore-Geschäfts: Rudolf Elmer

19. Jänner 2011, 19:36
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Held oder Bösewicht? Spion oder Whistleblower? Der Schweizer Ex-Banker Rudolf Elmer, der in Zürich wegen Verstößen gegen das Bankgeheimnis sowie wegen Drohung und Nötigung vor Gericht steht, sieht sich als Kämpfer für (Steuer-) Gerechtigkeit. Als einer, der die Öffentlichkeit über das schädliche Geschäft mit dem internationalen Steuerbetrug aufklären will, ein Geschäft, das er jahrelang selbst betrieben hat. Und zwar als Geschäftsführer der noblen und traditionsreichen Privatbank Julius Bär auf den Cayman Islands, einem der bekannten Offshore-Steuerparadiese in der Karibik. Staatsanwaltschaft und Bank betrachten Elmer hingegen als verbitterten und frustrierten Mann, der sich rächen will an der Bank, die ihn 2002 entlassen hat, nachdem er 15 Jahre lang in ihren Diensten gestanden war.

Anfang der Woche überreichte Elmer in London zwei weitere CDs, die angeblich Bankdaten von Steuerbetrügen enthalten, an Julian Assange, den Gründer der Aufdecker-Plattform Wikileaks: Assange lobte Elmer für dessen Einsatz für eine gerechtere Welt und versprach, die Daten sorgsam zu prüfen. Bereits zuvor hatte Elmer mehrmals geheime Bankdaten an Behörden und Medien weitergegeben. Doch beließ es der heute 55-jährige Ex-Banker nicht dabei: Er schrieb auch Drohmails an ehemalige Geschäftspartner und Kunden, wie er vor Gericht selbst zugab.

Die Bank schreibt in ihrem Intranet von einer "persönlichen Droh- und Hetzkampagne gegen Julius Bär" mit dem Ziel, sie und ihre Kunden öffentlich zu diskreditieren: "Zu diesem Zweck verbreitete Elmer haltlose Vorwürfe und spielte den Medien Dokumente zu, die er sich unrechtmäßig angeeignet hat." Elmers Version lautet umgekehrt: Julius Bär habe ihn unter Druck gesetzt, indem das Bankinstitut ihn beschatten ließ.

Im Zürcher Tages- Anzeiger sagte er, "die ganze Familie, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sogar meine Nachbarn wurden durch Stalker und durch die Behörden unter Druck gesetzt. Es war eine Art von Psychoterror. Meine Gedanken gingen von Selbstmord bis zu einem Rachefeldzug und dann zur Auswanderung."

2006, nach kurzer Haft, verließ Elmer die Schweiz, seine Familie blieb. Mittlerweile lebt der arbeitslose Banker samt Frau und 11-jähriger Tochter wieder in einem Dorf in der Nähe von Zürich. "Unsere Hoffnung auf Gerechtigkeit haben wir nie aufgegeben", sagte er einmal.(Klaus Bonanomi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2011)

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    Rudolf Elmer: Mahner wider das Schweizer Bankgeheimnis.

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