Der Mann, der mit der Macht des Wortes regierte

19. Jänner 2011, 17:50
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Ein TV-Film von Helene Maimann über Bruno Kreisky zeigt vor allem den glänzenden Spieler auf dem Klavier der öffentlichen Meinung - und einen Regierungschef, der zugleich Chef-Kabarettist war

Er hatte natürliche Autorität. Das hat man gewusst, wenn man ihn erlebt hat, oder wenn es Zeitzeugen erzählten, aber Helene Maimanns TV-Film Bruno Kreisky - Politik und Leidenschaft bestätigt das mit teils legendären öffentlichen Auftritten eindrucksvoll. Man hat das fast schon wieder vergessen, wie sehr er praktisch jede Szene beherrschte.

Der Unterschied zu heute ist überdeutlich, gerade auch in scheinbaren Nebensächlichkeiten. Beim (von ihm eingeführten) Pressefoyer nach dem Ministerrat schottete er sich nicht mit einer Art metallenen Panzersperre (Regierung Schüssel) oder Stehpulten (alle nachher) und drei Metern Distanz ab, sondern die Journalisten standen auf Tuchfühlung dicht gedrängt um ihn herum. Da war er, mittendrin, erzählte, belehrte, tadelte, höhnte manchmal, holte weit aus, und genoss es königlich.

Flucht vor der Damenwahl

Bruno Kreisky regierte auch mit der Macht des Wortes. Er war Regierungschef und Chef-Kabarettist zugleich. Viele Jüngere, an kargere Kost gewöhnt, lachten bei der Voraufführung im Gartenbau-Kino überrascht auf, wenn die "Wuchteln" kamen - etwa wie er am Opernball erzählte, dass er als junger Mensch vor der Damenwahl "aufs Häusl" geflüchtet sei.

Historikerin Helene Maimann hat Schlüssel-Auftritte Kreiskys vor allem aus seiner Regierungszeit (1970-83) mit Aussagen von Zeitzeugen (Henry Kissinger, Helmut Schmidt, André Heller, Hannes Androsch, Peter Jankowitsch) äußerst effektvoll gegengeschnitten. Es ist ihr gelungen, die immensen, vor allem gesellschaftspolitischen Veränderungen seiner Ära ins Gedächtnis zu rufen. Was er etwa im Familienrecht an Mittelalter abschaffte, "könnts ihr Jungen euch gar nicht vorstellen" , ruft Heller in die Kamera.

Der Film spart auch einige negative Aspekte nicht aus, vor allem den unfassbaren Auftritt, wo er Simon Wiesenthal völlig tatsachenwidrig "eine besondere Beziehung zur Gestapo" unterstellt. Kreiskys entscheidender politischer Verbündeter, FPÖ-Chef Friedrich Peter, war Mitglied einer Judenmord-SS-Brigade (Peter behauptete damals "Partisanenbekämpfung" ). Hätte Kreisky diese von Wiesenthal aufgedeckte Wahrheit und ihre Implikationen an sich herangelassen, wäre sein gesamtes politisches Konzept der "Versöhnung" mit den Nazis zusammengebrochen.

Weil zahlreiche Epigonen auch heute Kreiskys "Lernen Sie Geschichte, Herr Reporter!" nachplappern, hätte der Film diesen schweren Untergriff nicht auslassen sollen. Kreisky hatte sich geärgert, weil ÖVP-Chef Mock sich beim Bundespräsidenten über Kreisky beschwert hatte, und er unterstellte dem ORF-Reporter quasi, er unterstütze allein durch seine Frage danach ein autoritäres Präsidentenregime.

In Zeiten, da viele junge Leute einem rechten Sprüchemacher nachlaufen, ist es fast traurig zu sehen, wie gut Kreisky mit Jungen umgehen konnte. Er hatte es natürlich in vielem leichter ( Geld für den Sozialstaat war da, das "Ausländer" -Problem war kleiner, er regierte allein), aber er wusste, wie man mit den Jungen redet. (Hans Rauscher, DER STANDARD; Printausgabe, 20.1.2011)

TV-Hinweis
Bruno Kreisky. Politik und Leidenschaft, Donnerstag, 21.05 Uhr, ORF 2

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    Bruno Kreisky, hier im Bild mit Heinz Fischer.

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