"Ölknappheit treibt die Nahrungsmittelpreise"

18. Jänner 2011, 18:07
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Ernteausfälle, knappe Ressourcen und die steigende Nachfrage treiben die Preise nach oben, sagt Claire Schaffnit-Chatterjee

STANDARD: Rechnen Sie weiter mit extremen Nahrungsmittelpreisen?

Schaffnit-Chatterjee: Es gibt viele Faktoren, die alle dafür sprechen, dass das labile Nachfrage-Angebot-Gefüge weiter nicht im Gleichgewicht ist. Wir erleben wetterbedingte Ernteausfälle. Unter Klimawandelexperten besteht breiter Konsens darüber, dass extreme Wetterereignisse häufiger auftreten. Wegen des Wirtschaftswachstums in Schwellen- und Entwicklungsländern kommt es zu mehr Nachfrage. Wir benutzen immer mehr Pflanzen in der Treibstoffproduktion. Und gleichzeitig gibt es eine natürliche Begrenztheit von Wasser, Energie und guten Böden. Also viele Gründe, die die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben. Es hat sich allerdings historisch gezeigt, das extrem hohe Agrarpreise innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder fallen.

STANDARD:  Muss künftig mehr Angebot auf den Markt kommen?

Schaffnit-Chatterjee: Ja. Vorwiegend in den Entwicklungsländern gibt es viel Potenzial, um die Erträge zu steigern - besonders bei den Kleinbauern. Es wäre wichtig, da schnell Initiativen zu setzen, mehr Geld für Projekte zur Verfügung zu stellen und auch mehr in Forschung und Entwicklung zu investieren.

STANDARD:  Hohe Lebensmittelpreise gehen zunehmend mit hohen Ölpreisen einher. Warum?

Schaffnit-Chatterjee: Aus zwei Gründen. Einerseits ist die Landwirtschaft selbst eine Großabnehmerin von Energie und benötigt zwischen zehn und 15 Prozent des gesamten Energiekonsums, und zwar für den eigenen Transport und bei der Herstellung von Düngemitteln. Das heißt, auch eine antizipierte Ölknappheit treibt die Nahrungsmittelpreise. Andererseits dienen die Ernten zunehmend der Produktion von Agrartreibstoffen.

STANDARD: Welche Gefahr geht von der Tatsache aus, dass die agrarischen Ausfuhren in der Regel bei wenigen Ländern konzentriert sind?

Schaffnit-Chatterjee: Die Konzentration bedeutet, dass bei jeder Veränderung, hervorgerufen durch einen Exportstopp, oder bei einer schlechten Ernte die Preise in die Höhe schießen. Ein Beispiel: Die Reisexporte kommen zu 64 Prozent aus nur drei Ländern, aus Thailand, Vietnam, Pakistan. Bei Soja kommen 88 Prozent aus den drei wichtigsten Produzentenländern. Wenn da etwas passiert, hat dies enorme Auswirkungen auf alle Staaten, die von Einfuhren abhängig sind. Bei Palmöl gibt es eine hohe Konzentration - 88 Prozent der Welternte kommen aus Malaysia und Indonesien. Mehr Diversifikation würde verhindern, dass ein Ernteausfall oder regulatorische Veränderungen in einem dieser Länder, globale Auswirkungen haben.

STANDARD: Erwarten Sie eine Lebensmittelkrise wie 2007/08?

Schaffnit-Chatterjee: Ob hohe Preise zu einer Nahrungsmittelkrise führen, hängt davon ab, inwiefern es den einzelnen Ländern gelingt, kurzfristig die ärmeren Bevölkerungsschichten zu schützen und langfristig die landwirtschaftliche Produktion zu steigern. Aber globales Handeln ist gefordert, auch vom privaten Sektor. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2011)

Claire Schaffnit-Chatterjee ist Analystin bei der Deutsche Bank Research. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt auf den Themen Frauen und Ernährung.

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