Mit Facebook und Twitter gegen das Regime

17. Jänner 2011, 18:01
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Demonstranten informierten und organisierten sich über Internetplattformen

Tunis/Wien - Schon die Proteste im Iran 2009 haben gezeigt, dass die Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter Demonstranten und ihre Forderungen unterstützen kann. Auch in Tunesien zeigte sich, dass trotz staatlicher Zensur und Eingriffe der Kampf gegen das Regime von Präsident Zine El Abidine Ben Ali nicht nur auf der Straße, sondern auch im Internet geführt wurde.

Es war eine Art Katz-und-Maus-Spiel, das sich Dissidenten im Netz und deren Unterstützern mit den Zensoren in vergangenen Wochen lieferten. Sperrungen kritischer Websites und Repressionen gegen tunesische Mitglieder der Piratenpartei konterte die Hackergruppe Anonymous mit Denial-of-Service-Attacken, die offizielle Internetauftritte lahmlegten.

Unter dem Hashtag (Schlüsselwort) #sidbiouzid hatte sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine Widerstandsbewegung formiert, über die sich vor allem jugendliche Demonstranten informierten und organisierten. DemBlog NDItech zufolge wurden seit 27. Dezember täglich 28.000 Tweets per Stunde verschickt. Twitter und einige Blogs waren die wichtigste Nachrichtenquelle, da die staatlich zensierten Zeitungen nicht über die Ausschreitungen berichteten.

Wo immer es zu Demonstrationen kam, nutzten Tunesier ihre Handys zum Filmen und stellten die Schnipsel dann online. Da Video-Plattformen wie Youtube seit April 2010 von der Regierung geblockt waren (und erst Donnerstagabend wieder freigeschaltet wurden), verlinkten viele Menschen ihre Videos auf Facebook. Da viele Tunesier im Ausland lebende Familienmitglieder und Freunde haben, verbreiteten sich so Nachrichten und Videos international. "Facebook und Twitter haben sicherlich einen großen Anteil daran, dass die Medien in Europa von den Unruhen erfahren haben", zitiert die Waz den Politik-Analyst Abdallah Labidi.

So nach und nach kristallisiert sich heraus, in welchem Umfang das Ben-Ali-Regime das Internet zensurierte. Berichten zufolge betrieb die tunesische Internetbe-hörde ATI Passwort-Phishing in großem Stil. Dabei wurden die Login-Daten von Yahoo- oder Facebook-Nutzern abgefangen, sodass die Zensoren Zugriff auf die dortigen Daten erhielten. Unter den verhafteten Regimegegnern befanden sich in der Vergangenheit auch immer wieder Blogger.

Ironie der Geschichte: Tunis war 2005 der Ort für eine UN-Zusammenkunft, wo die Tunis-Agende zustande kam. Mit dem Dokument wurde das Internet Government Forum geschaffen. (kat, STANDARD-Printausgabe, 18.01.2011)

  • Virtueller Protest schob Revolution in Tunesien an
    foto: screenshot

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