Zivildienst: SP-Vorschlag lässt viele Fragen offen

17. Jänner 2011, 18:18
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Zusammenhalt der Gesellschaft wächst nicht auf den Buchstaben des Gesetzes - Von Judit Marte-Huainigg

Minister Rudolf Hundstorfer schlägt als Ersatz für den Zivildienst vor, das freiwillige soziale Jahr (FSJ) in reguläre Arbeitsverhältnisse mit einem Mindestlohn von 1300 Euro umzuwandeln.

Damit hört sich allerdings der "Freiwilligenspaß" auf! Dann noch von einem "freiwilligen sozialen Jahr" zu sprechen ist ein Widerspruch in sich. Es wäre von der Politik ehrlicher, auszusprechen, was sie plant, nämlich den Zivildienst durch hauptamtliche MitarbeiterInnen bzw. Jugend- oder sonstige Beschäftigungsprogramme zu ersetzen.

Freilich, der Mehrwert eines FSJ ginge durch das SPÖ-Modell verloren, denn Persönlichkeitsentwicklung, Horizonterweiterung, Orientierung fürs Leben und die spätere Berufstätigkeit werden erfahrungsgemäß in Hilfsarbeiterjobs nicht vermittelt. Indem wir den Raum für ehrenamtliches und freiwilliges Engagements zurückdrängen, wird unsere Gesellschaft ärmer.

Ja es stimmt, die TeilnehmerInnen des freiwilligen sozialen Jahres werden oft mit Verwunderung gefragt: "Warum tust du dir das an, für geriatrische PatientInnen, Menschen mit Behinderung, obdachlose Leute oder Kinder in Not nur für ein Taschengeld zu arbeiten?

Die Antworten der FSJ-TeilnehmerInnen selbst sind sehr rasch da, wie etwa: "So viel, wie in diesem Jahr, habe ich noch nie gelernt."

Seit mehr als zehn Jahren (!) kämpft das FSJ für bessere Rahmenbedingungen für die Freiwilligen. Wie in Deutschland sollte es eine gesetzliche Grundlage geben, damit der Freiwilligeneinsatz eine Anerkennung bei Ausbildungen und Anstellungen erfährt, damit die größte soziale Hürde, nämlich der Wegfall der Familienbeihilfe, endlich behoben werden kann und damit jugendlicher Idealismus nicht ausgebeutet wird. Weitere Anreize wären möglich, wie etwa Bonuspunkte für einen Studienplatz, Bildungsgutscheine und günstige Tarife bei öffentlichen Verkehrsmitteln. Seit Monaten liegt ein fast fertiges Gesetz dafür vor. Dieses Gesetz gehört um das freiwillige ökologische Jahr und um Auslandseinsätze ergänzt. Das FSJ wird den Zivildienst nicht ersetzen können, aber ein ganz wesentlicher Baustein sein, denn - gerade mit Blick auf Deutschland, wo rund 35.000 Personen einen FSJ-Einsatz leisten - sind weitere Potenziale hebbar.

Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft wächst nicht auf den Buchstaben des Gesetzes, der solidarische Zusammenhalt wächst, wenn wir die Würde des Menschen in all ihren Dimensionen verstehen und im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen" lernen. (Judit Marte-Huainigg, DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2011)

JUDIT MARTE-HUAINIGG ist ehrenamtliche Vorsitzende des freiwilligen sozialen Jahres.

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