Wenn sie auch sinkt, die Chance, sie lebt

16. Jänner 2011, 17:17
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Für Österreichs Handballer kommt das entscheidende Spiel schneller als gedacht. Wollen sie ihre Chancen wahren, sollte ein Sieg gegen Norwegen gelingen.

Norrköping ist nicht zwingend eine Reise wert. Zwar liegt die schwedische Stadt in der Provinz Östergötlands län recht schön an der Ostseeküste, unweit der Bucht Bråviken. Zwar hat sie einige Theater und Museen zu bieten, und die Skulptur Prisma im Park vor dem Gemeindehaus war immerhin bei ihrer Errichtung 1967 das größte Glaskunstwerk der Welt. Natürlich sind die allermeisten der 83.000 Einwohner, unter ihnen die berühmte Skifahrerin Pernilla Wiberg, furchtbar nett. Linz in Oberösterreich, das kommt noch dazu, ist eine von Norrköpings dreizehn Partnerstädten. Doch was nützt das alles, wenn Österreich in Norrköping sein Handball-WM-Spiel gegen Japan verliert?

Nach dem 30:33 (11:18) ist der Druck nicht kleiner geworden. Schließlich sind Österreichs Ansprüche hoch seit dem neunten Platz bei der Heim-EM 2010. Die Hauptrunde ist das Ziel, der dritte Gruppenplatz die Bedingung. So bekommt das Spiel gegen die Norweger (Mo. 19.10 Uhr, ORF Sport plus), die ihrerseits überraschend gegen Ungarn verloren, für beide Teams fast schon den Charakter eines Finales. Eine Niederlage würde die Chancen drastisch verringern. Gespielt wird übrigens in Linköping, wo auch Island (Dienstag) und Ungarn (Donnerstag) noch auf Österreich warten. Die Gruppe B spitzt sich zu, nur Island scheint mit zwei Siegen auf dem besten Weg, und Brasilien dürfte chancenlos sein.

"Wir müssen das Japan-Spiel aus den Köpfen kriegen", sagte Österreichs schwedischer Teamchef Magnus Andersson am Sonntag im Team-Hotel, das in Linköping in der Klostergatan Ecke Torkelbergsgatan liegt. Doch die Tatsache, dass Andersson dann selbst noch lange über das Japan-Spiel sprach, zeigt schon, wie schwierig das Unterfangen wird. "Wir haben unglaublich viele Fehler gemacht", sagte Andersson. "Ich bin enttäuscht über das Ergebnis und über die Leistung."

Drehscheibe und Fehlgriff

Japan hatte die Partie, wie sich zeigen sollte, schon vor der Pause entschieden. Da konnten die Österreicher zwar ein 5:9 ausgleichen, dem 9:9 folgte aber ein 9:15, das in den 11:18-Pausenstand mündete. Die Österreicher vergaben zu viele Chancen und ließen zu viele zu, bekamen Japans Drehscheibe Daisuke Miyazaki nicht in den Griff, scheiterten oft und oft an Japans Goalie Masayuki Matsumura. Miyazaki herauszudecken erwies sich als keine gute Idee Anderssons. Der hatte Robert Weber, den besten Torschützen der deutschen Bundesliga, abgestellt, um Miyazaki aus dem Spiel zu nehmen. Doch der Japaner erwies sich als unaufhaltbar, nahm somit seinerseits Weber aus dem Spiel, der nur auf sieben Torwürfe kam und nur drei verwertete.

Erst nach der Pause, als Österreich zur 6-0-Deckung zurückkehrte und Kapitän Viktor Szilagyi auf Touren kam, lief es besser. In der 45. der 60 Minuten war der Rückstand auf drei Tore verkürzt. Doch wieder riss der Faden, schlichen sich Fehler ein, wirbelte Miyazaki. Andersson brachte insgesamt nicht weniger als 15 Spieler zum Einsatz, doch vor allem offensiv gelang weiterhin zu wenig. Gegen Japans offensive 3-3-Deckung wären mehr als sieben Tore vom Kreis (bei zehn Versuchen) und mehr als ein Tor vom Flügel (neun Versuche) nötig gewesen. So weit, so schlecht. Und jetzt? "Raus damit aus den Köpfen." Sagt auch Weber. "Es geht von null los, wir sind motiviert bis zum Gehtnichtmehr." Gegen die Norweger, die von hunderten Fans unterstützt werden, geht's für Weber "auch um Revanche für die EM-Niederlage in Wien".

Kenntnis und Freundschaft

Vor einem Jahr war das erste Hauptrundenspiel wohl Österreichs übelstes bei der Heim-EM. Die Norweger siegten 30:27, ihr Goalie Steinar Ege brachte Szilagyi und Co zur Verzweiflung. Im Gegensatz zur japanischen ist die norwegische Spielweise erwartbar. ÖHB-Teamchef Andersson sagt: "Ich kenne die Norweger sehr, sehr gut." Nicht zuletzt verbindet ihn seit 25 Jahren eine enge Freundschaft mit Norwegens Teamchef Robert Hedin. Der ist ebenfalls Schwede, Andersson und Hedin haben schon in der Jugend und auch später jahrelang gemeinsam gespielt.

Linköping liegt eine halbe Autostunde von Norrköping entfernt, ebenfalls in Östergötlands län. Die Stadt hat ein Freilichtmuseum mit neunzig alten Häusern und ein Flygvapenmuseum zu bieten, der 107 Meter hohe Turm der Domkirche überragt sie. Partnerstadt? Schon wieder Linz. Das kann ein gutes Omen sein, schließlich haben die Österreicher in Linz die EM-Euphorie entfacht. Muss aber kein gutes Omen sein, siehe Norrköping. Allerdings stammt ÖHB-Teamchef Andersson aus Linköping, seine Eltern sitzen in der Halle. Natürlich sind sie, wie die allermeisten der 100. 000 Einwohner, furchtbar nett. Vielleicht ist Linköping die Reise wert. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe, 17.01.2011)

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    In Norrköping wurde Österreichs Teamchef Magnus Andersson auf den Boden der Realität geholt. In Linköping, wo seine Eltern leben, will er der Mannschaft den Weg in die Hauptrunde weisen.

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