"Glaube, dass wir selbst Schöpfer sind"

14. Jänner 2011, 16:58
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Der nordische Kombinierer Felix Gottwald beendet in knapp zwei Monaten endgültig die "Lebens­uni­versität" Spitzensport. Der drei­fache Olympiasieger ist immer "achtsam" gewesen

Standard: Wird das Siegen irgendwann langweilig?

Gottwald: Ums Siegen geht es in erster Linie nicht mehr. Es zählen die Erfahrungen im Spitzensport, deshalb bin ich in den Zirkus zurückgekehrt. Irgendwelche Statistiken aufzupolieren ist nebensächlich. Das Spannende ist, dass du einen Job machen kannst, bei dem du dich rund um die Uhr mit dir selbst beschäftigst und Entwicklungen sofort erkennst.

Standard: Wie unterscheiden sich die Empfindungen des 35-jährigen Gottwald von jenen des 24-jährigen nach dem ersten Weltcuperfolg?

Gottwald: 24 war eigentlich eh spät, 35 ist unheimlich spät. Es ist ein enormer Weg, der dazwischenliegt. Es war auch ein breiter Weg bis zum ersten Sieg. Davor mutmaßt man nur, und auf einmal erfährst du, dass du das Zeug zum Gewinnen hast. Das habe ich immer noch. Genial ist, dass Aufgaben gestellt werden, die du lösen musst. Da bricht man sich vor einem Monat das Schulterblatt, muss das erstens annehmen und zweitens gestärkt wieder rauskommen.

Standard: Apropos Schulter. Andere würden nach so einer Verletzung gegen eine Tür treten. Sie haben von einem Zeichen gesprochen, das Sinn macht, und dreieinhalb Wochen später den Weltcup in Schonach gewonnen. Wie schafft man das?

Gottwald: Da muss man weiter zurückgehen, es war 1995 in Thunder Bay, und ich war ziemlich krank. Das war ein Knackpunkt, da habe ich Qigong entdeckt. Ich habe gemerkt, dass man mit sich selbst arbeiten kann. Diese Arbeit habe ich nie mehr vernachlässigt, ich habe sie sogar intensiviert. Der Mensch lernt nie aus, ist nie fertig. Nur die Arbeit, die du heute machst, bringt dich weiter. Du muss täglich deine Gedanken ordnen und ausmisten, diese Zeit musst du dir nehmen.

Standard: Woran glauben Sie?

Gottwald: Ich glaube, dass wir selbst der Schöpfer sind. Das lebe ich. Gedanken sind da, um sie umzusetzen. Es ist spannend, was passiert. Auf einmal haut es dich hin, und die Schulter ist gebrochen. Du kannst trauern oder es annehmen. Nichts im Leben ist zufällig. Auch wenn man den Sinn im ersten Moment nicht gleich erkennt, steckt eine Sinnhaftigkeit dahinter.

Standard: Irgendwer muss den Schulterbruch doch geschickt haben, oder?

Gottwald: Es gibt schon ein höheres Selbst. Aber zu dem braucht man nicht mit einer Rakete rauffliegen. Es ist klüger, sich auf den Boden zu hocken, die Augen zu schließen und in sich zu gehen. Dann bist du deinem höheren Selbst am nächsten.

Standard: Was ist der Sinn des Lebens?

Gottwald: Die Selbsterkenntnis. Irgendwann kommt man an.

Standard: Geht es ums Ausloten von Grenzen?

Gottwald: Es geht nicht um die Grenzen, es geht um die Mitte. Aber eine Mitte gibt es nur, sofern es auch ein extremes Links und ein extremes Rechts gibt.

Standard: Sie sind 2007 zurückgetreten, um 2009 für Außenstehende überraschend wieder einzusteigen. Man könnte die These aufstelle, dass Sie nicht wussten, was mit der Zeit, dem neuen Leben, anzufangen ist. Warum die Rückkehr?

Gottwald: Man könnte die These aufstellen, sie stimmt aber nicht. Ich entwickle Gedanken und setze sie um. Ich wollte mich verändern, hörte auf. Ich schrieb ein Buch, ich näherte mich zu 100 Prozent an mich an. Ich vermisste den Spitzensport keine Sekunde. Mein ehemaliger Servicemann Georg Reisenauer fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, wieder einzusteigen. Ich sagte Ja, die einzige Bedingung war, dass es der pure Genuss sein muss. Mein ehemaliger Trainer Günther Chromecek hat auch mitgemacht, er war und ist eine geniale Triebfeder. Ums Geld ist es nicht gegangen. Willst du reich werden, darfst du niemals kombinieren.

Standard: Sind Sie jetzt auf das Ende vorbereitet, oder hängen Sie doch noch einen Winter an?

Gottwald: Es sind definitiv die letzten zwei Monate, ich werde sie aufsaugen. Ein Ende ist ein Anfang, es gibt viele Projekte. Ab einem gewissen Alter ist es auszuschließen, Spitzensportler zu sein. Siehe Thomas Muster. Aber der hat wohl andere Triebfedern.

Standard: Die nordische Kombination steckt in der Krise, das Interesse ist bescheiden, man findet kaum Veranstalter. Wird es die Sportart in fünf oder zehn Jahren überhaupt noch geben?

Gottwald: Ja, in ihr steckt Tradition. Es ist patschert, wie der Weltskiverband Fis die Kombination momentan krankredet. Es gibt ohnedies 14 Bewerbe. Slalomfahrer haben weniger. Man muss bei uns nichts auslassen.

Standard: Aber ist es nicht so, dass die Gesellschaft eher die Fachidioten, die Spezialisten forciert? Den weitesten Springer, den schnellsten Langläufer. Auch der Zehnkämpfer spielt in der Leichtathletik keine Rolle mehr, gefragt ist der Sprinter, der macht das Geld.

Gottwald: Nehmen wir den Springerweltcup. Der ist vollgepflastert mit Veranstaltungen. Bei der Vierschanzentournee sind die Athleten nicht nur Marionetten, sie sind Marionetten mit Maulkorb. Das ist erschreckend. Wir Kombinierer sind da fast privilegiert. Weil weniger oft mehr ist.

Standard: Hat der Sportler die Mündigkeit verloren?

Gottwald: In dem Moment, wo du in einem Verbandsleben drinnen bist, gibst du einen Teil von dir ab. Das wird erwartet. Für mich war die Herausforderung beim Comeback, nicht in die alten, ausgefahrenen Spuren zu schlittern. Das ist gelungen, ich wurde achtsamer. Die Retortensportler werden mehr, der Arzt sagt, was zu tun ist, der Verband meint, hupf runter, Hauptsache, die Bandenwerbung ist im Bild. Das kann es nicht sein, langfristig wird der Sport ruiniert.

Standard: Muss ein Spitzensportler ein Arschloch sein?

Gottwald: Nein, definitiv nein. Was ich mir selbst vergönne, muss ich auch anderen vergönnen können. Auf dem Weg zur Spitze investiert jeder viel Herzblut.

Standard: Würden Sie manche Dinge retrospektiv anders machen?

Gottwald: Ich habe es eh anders gemacht. Ich habe einen komplett anderen Zugang. Das Urvertrauen, die Leichtigkeit ist spürbar.

Standard: Ist Spitzensport Fluch, Segen oder beides?

Gottwald: Er ist und war die geniale Lebensuniversität für mich.

Standard: Bringen einen Siege oder Niederlagen weiter?

Gottwald: Niederlagen. Siege sollen in erster Linie Demut lehren. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 15./16. 1.2011)

FELIX GOTTWALD (35) wurde am 19. Jänner 1976 in Zell am See geboren. Er ist Österreichs erfolgreichster Olympiasportler, gewann sieben Medaillen, davon drei in Gold (2006 Einzel und Team, 2010 Team). Seinen ersten Weltcupsieg feierte der Salzburger 2000 in Kuopio, es folgten 22 weitere. 2000/01 sicherte er sich den Gesamtweltcup in der nordischen Kombination. Bei Weltmeisterschaften sammelte er acht Medaillen. 2007 trat er zurück und schrieb ein Buch ("Ein Tag in meinem Leben"), mehr als 30.000 Stück wurden verkauft. 2009 gab Gottwald ein erfolgreiches Comeback. In zwei Monaten ist Schluss.

  • Felix Gottwald genießt die letzten Tage seiner zweiten Karriere. Er 
spürt die Leichtigkeit und das Urvertrauen in sich selbst. Um Bilanzen 
geht es nicht mehr.
    foto: expa/feichter

    Felix Gottwald genießt die letzten Tage seiner zweiten Karriere. Er spürt die Leichtigkeit und das Urvertrauen in sich selbst. Um Bilanzen geht es nicht mehr.

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