Vom Kindergarten bis in den Hörsaal

11. Jänner 2011, 17:57
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Die Schulkonzepte der Parteien im Detail

SPÖ

Die SPÖ war die erste Partei, die die pädagogische Bedeutung des Kindergartens in die politische Diskussion gebracht hat: Die Verpflichtung, zumindest ein Jahr Kindergarten zur Sprachausbildung zu nutzen, war ihre Initiative. Sie will auch Kindergartenpädagoginnen universitär ausbilden, ebenso die Lehrer an Volksschulen und allen weiterführenden Schulen.

Von der Grundschule an sollen die ganztägigen Angebote ausgeweitet und um bedarfsgerechte Förderangebote (in der Volksschule vor allem im sprachlichen Bereich) ergänzt werden. Förderung der schwächeren Schüler steht auch im Zentrum des Angebots für Zehn- bis 14-Jährige. Der ideologisch besetzte Begriff "Gesamtschule" wird durch "Neue Mittelschule" ersetzt - sie soll wie die Volksschule möglichst verbindlicher Standard für alle Schüler der Altersstufe werden.

Zu den höheren Schulen soll als Voraussetzung nur der positive Abschluss der Pflichtschule notwendig sein, weitere Hürden lehnt die SPÖ ab. Fernziel ist, dass alle Schüler die Matura oder einen vergleichbaren Abschluss erreichen, der als Studienberechtigung gilt. Im Bereich der Universitäten ist die SPÖ nach wie vor gegen Studiengebühren.


ÖVP

Schon im Kindergarten sehen die Schwarzen Sprachstandsfeststellungen vor. Verfügt ein Kind nur über mangelhaftes Deutsch, muss es eine ganztägige Betreuungsform in Anspruch nehmen. Erst wenn die Schulreife gegeben ist, darf man in die Volksschule wechseln - anderenfalls ist vorher noch ein Vorschuljahr zu absolvieren.

Auch in der Volksschule bekommen alle Kinder mit Sprachdefiziten Nachmittagsförderung. Lesen, Schreiben, Rechnen müssen sitzen - denn nach den vier Jahren steht eine "Bildungsempfehlung" an, welcher Schultyp danach besucht werden darf: Mittelschule oder Gymnasium.

Geht es nach der ÖVP, sind beide Schulen gleichwertig - der gemeinsame Fächerkanon sowie Bildungsstandards sollen das garantieren. Lernschwache Schüler müssen auch in der Mittelstufe am Nachmittag weiterpauken. Denn am Ende stehen Prüfungen an, um die "mittlere Reife" zu erlangen - wie diese konkret aussehen soll, darüber sind sich die Bürgerlichen aber selbst noch nicht ganz einig.

In der Oberstufe sollen neben den AHS auch die berufsbildenden höheren Schulen bestehen bleiben. Wer maturiert hat, darf freilich an die Unis, für die die ÖVP aber gern wieder Studiengebühren einheben würde.


FPÖ

Die Freiheitlichen wollen für alle Kinder ab dem vollendeten dritten Lebensjahr einen halbtägigen, kostenlosen Kindergarten, auch wenn sie schon in diesem Alter Probleme mit Kindern mit Migrationshintergrund sehen.

In der Volksschule will die FPÖ möglichst rein deutschsprachige Klassen schaffen - Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen sollten in eigenen "Integrationsklassen" unterrichtet werden, bis sie am Regelunterricht teilnehmen können. Zu den wichtigsten Bildungszielen gehören die Pflege der österreichischen Eigenart und die Erhaltung des kulturellen Erbes. Für die Zehn- bis 14-Jährigen begrüßt die FPÖ zwar die Neue Mittelschule als Nachfolgemodell der Hauptschule. Gleichzeitig lehnt sie aber die Gesamtschule ab - die von der ÖVP vorgeschlagene "mittlere Reife" könne ein sinnvoller Beitrag zur Aufwertung der Hauptschulen sein. Die Sprachregelung lautet: Die FPÖ stehe für jede Verbesserung des Schulsystems unter Beibehaltung der AHS in der Langform zur Verfügung.

Die Lehrerausbildung müsste nach Vorstellung der FPÖ ebenso verbessert werden wie die Einbindung der Eltern in die Erziehung. Der freie Zugang zu den Universitäten sollte jedem Befähigten offenstehen.


BZÖ

Das BZÖ will im letzten Jahr des Kindergartens externe Pädagogen die Schulreife feststellen lassen - Kinder, die sie nicht erfüllen, sollen in die Vorschule.

In ihremBildungskonzept werden Volksschule und Mittelstufe zur gemeinsamen Schule der Sechs- bis 15-Jährigen mit Leistungsgruppen und fächerübergreifender, thematischer Wissensvermittlung. Schüler mit Migrationshintergrund dürfen aber nicht gemeinsam lernen: Übersteigt ihr Anteil 30 Prozent in einer Klasse, sollen sie aufgeteilt werden. Die Schule des BZÖ trennt Prüfer und Lehrer, Letztere sollen sich als "Coaches der Schüler" rein auf die Wissensvermittlung konzentrieren. Ein neues Lehrerdienstrecht brächte höhere Einstiegsgehälter und eine Anwesenheitspflicht von 8.00 bis 16.00 Uhr in denSchulen. Mehr Lehrer in den Klassen soll außerdem die gezielte Förderung von Begabten ermöglichen.

An den höheren Schulen erhält jeder Schüler nach bestandener Zentralmatura einen 5000-Euro-Uni-Gutschein, der bei der Einschreibung an die Hochschulen weitergereicht wird. Studierende mit ausländischem Zeugnis müssten voll zahlen. Durch ein neues Studienbeihilfensystem sollen die 500 Euro Semestergebühren leistbar werden.


DIE GRÜNEN

Die Grünen wollen eine umfassende Bildungsreform - und setzen ebenfalls bereits beim Kindergarten an. Für Dreijährige soll es eine Kindergartenpflicht geben, mit Ausnahmen für Kinder ohne Sprachschwierigkeiten. Außerdem fordern sie das Angebot von zwei kostenlosen Kindergartenjahren.

Die Selektion der Schüler im zehnten Lebensjahr bezeichnen die Grünen in ihrem Bildungsprogramm als die "folgenschwerste Schwäche des gegenwärtigen Bildungssystems" . Hier entscheide sich bereits, ob man Hilfsarbeiter oder Hochschulprofessor werde.

Deshalb plädieren die Grünen für eine gemeinsame Schule aller Sechs- bis 14-Jährigen: Es soll eine differenzierte Gesamtschule geben, mit individueller Förderung und einem Ganztagsangebot - das Sitzenbleiben soll der Vergangenheit angehören.

Diese Maßnahmen sollen bildungsfernen Schichten den Zugang zum Studium erleichtern und die Studierendenzahl erhöhen. Anstelle von Eingangstests sollen Maßnahmen zur Erhöhung der Treffsicherheit der Studienwahl gesetzt und bessere Studieneingangsphasen etabliert werden. Dazu sei eine Steigerung des Universitätsbudgets um zehn Prozent jährlich nötig. (cs, nik, nw, wug, DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2011)

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