Man bleibt der Fremde

11. Jänner 2011, 17:52
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Christoph Braendles Stück "Manhattan Blues" handelt über Immigration - Sandra Schüddekopf bringt es im ehemaligen Weincomptoir zur Uraufführung

Wien - 1993 muss es gewesen sein, da fragten sich die Schauspielerin Stephanie Schmiderer und der Schriftsteller Christoph Braendle, wie man ohne Geld Theater machen könne. Und so kam ihnen die Idee zum Wiener Salon Theater: Die Bühne war das ehemalige Weincomptoir in der Bäckerstraße, das Essen integraler Bestandteil der Inszenierung.

Zwischen 1994 und 1996 realisierte man eine Shakespeare-Trilogie: Braendle montierte thematisch zusammenhängende Szenen zu neuen Stücken. Den größten Erfolg feierte man 1997 mit der Uraufführung von Braendles Stück Der nackte Schubert im Palais Rasumofsky: "Wir haben diese Schubertiade gut 30-mal gespielt", erzählt der Autor. "Und wir hätten sie viel länger spielen können. Aber Stephanie ging nach New York."

2009 kehrte die Schauspielerin zurück. Sie fragte Braendle, ob man nicht das Salon Theater reanimieren könne. Er bejahte - und schrieb ihr ein berührendes Stück auf den Leib: Manhattan Blues erzählt von einer Schauspielerin, die im winterlichen Central Park auf ein Taxi wartet, das sie zum Flugplatz bringen soll. Sie träumt von Wien, schüttet einem Mann auf der Parkbank ihr Herz aus - und schließt Bekanntschaft mit einem mexikanischen Straßenmusikanten.

"Wir wollten keinen Winterzauber auf die Bühne bringen", sagt Braendle. Daher findet die Uraufführung (Regie: Sandra Schüddekopf) im Winter unter freiem Sternenhimmel statt - im Innenhof des barocken Hauses Bäckerstraße 2. Dort wohnte der Schweizer Autor nicht nur viele Jahre: Zwischen 1992 und 1998 war der Innenhof Schauplatz der von Braendle organisierten Reihe Vollmondserenade.

Mit Manhattan Blues arbeitet Braendle, der seit 1987 in Wien lebt, eigene Erfahrungen auf: "Ich habe festgestellt, dass man sich nicht integrieren kann. Man bleibt immer der Fremde - auch im eigenen Kulturkreis." Denn: "Ich leugne nicht meine Herkunft. Und ich lass es mir nicht nehmen, Schweizer zu sein."

Auch wenn er sehr gerne in Wien lebt. Zeugnis davon gibt der von ihm zusammengestellte Band Österreich ist schön, oder? Eingewandert aus der Schweiz, der im März beim Czernin Verlag erscheint (mit Beiträgen u. a. von Stefan Gmünder, Nives Widauer, Roland Koch, Daniel Spoerri, Sven Gächter). (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 12. 1. 2011)


>> Bäckerstraße 2, Dauer: rund eine Stunde, Tee mit Rum im Preis inkludiert. 13.-15. und 26.-29.1., 19.30

Tickets: 0650/535 05 94 oder: www.salontheater.at

  • Sehnsucht nach Heimat: Stephanie Schmiderer und Hubert Wolf in 
"Manhattan Blues".
    foto: schüddekopf

    Sehnsucht nach Heimat: Stephanie Schmiderer und Hubert Wolf in "Manhattan Blues".

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