Lukrativer Stress mit einem Serienliebhaber

4. Jänner 2011, 17:55
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Martin Haselböck betreut als Dirigent die musikalische Seite der Ronacher-Produktion "The Giacomo Variations"

Wien - Es ist nun nicht gerade so, dass es der Zusammenarbeit mit Hollywood-Schauspieler John Malkovich bedurft hätte, um Martin Haselböck in den produktiven Stress der Weltbereisung zu versetzen. Als versierter Organist ist er international gefragt. Sein Originalklang-Ensemble, die Wiener Akademie, die nun seit 25 Jahren besteht, hat schon ausreichend viele weit entfernte Metropolen beschallt.

Zudem wäre da auch noch Haselböcks Job in Los Angeles, wo er Chef des Musica Angelica Barock Orchestra ist. "Ich bin an die siebenmal jährlich für zehn Tage drüben. Das ist an sich kein Problem, ich halte das mit dem Herumfliegen ziemlich gut aus."

Ein bisschen staunen muss der Wiener Universalmusiker, der Kompositionsschüler u. a. von Friedrich Cerha war, aber doch - über die Intensität des gemeinsamen Tuns, das ab Mittwoch mit The Giacomo Variations im Wiener Ronacher in eine neue Phase geht, nachdem es ebendort mit The Infernal Comedy, als Malkovich Jack Unterweger spielte, begonnen hatte.

"Es ist eigentlich unglaublich - wir haben mit ihm 65 Termine in diesem Jahr, ich schaffe das alles schon gar nicht mehr selbst und habe zwei Gastdirigenten engagiert. Ich habe ja auch noch ein anderes Leben." Das darf aber nicht als mitleidheischende Klage rüberkommen. Die Zusammenarbeit mit dem Publikumsmagneten, der zurzeit in TV-Werbespots als göttlicher Kaffeetrinker George Clooney quält, wäre schon so eine Art "Lottosechser im positiven Sinn", stimmt Haselböck zu.

Projekte zurückgestellt

Womöglich aber auch einer für Malkovich: "Er fühlt sich wohl bei dieser Form von Zusammenarbeit, Filme drehen dürfte doch eine eher einsame Tätigkeit sein. Und: Er bewundert die Instrumentalisten für das, was sie tun. Jedenfalls hat er auch Projekte zurückgestellt, um das alles machen zu können. Bei Werbefilmen, die er in einem Nachmittag abdreht, verdient er ja das Zehnfache von dem, was er bei uns bekommt. Und auch wir bezahlen ihn nicht schlecht." Grundsätzlich dürfte es bei Malkovich drei Ebenen der Tätigkeit geben: "Da ist der Film, durch den er Millionen an Dollar verdient. Davon lebt er. Dann arbeitet er mit uns. Und wenn er selber Regie führt, zahlt er etwas dazu. "

Kennengelernt hat man sich in den USA bei einem Abendessen, und man stritt gleich darüber, ob die Türkei in die EU aufgenommen werden solle. "Irgendwann jedoch kam die Frage auf, was denn ein Schauspieler mit klassischen Musikern erarbeiten könnte, worauf ich auf die historische Form des Melodrams hinwies. So entwickelte sich alles langsam, wobei er unbedingt ein zeitgenössisches Thema haben wollte. So entstand das Unterweger-Stück, das wir international immer noch spielen. Wobei: Malkovich wünscht sich immer bestimmte Orte für Gastspiele." Eine recht angenehme Form, die Welt kennenzulernen.

Drei Mozart-Opern

In The Giacomo Variations (das Stück stammt von Michael Sturminger, der auch Regie führt) geht es um den gealterten Schürzenjäger, der rekapituliert, sinniert und diversen Damen (alle dargestellt von Ingeborga Dapkunaite) begegnet - allesamt Mozarts Opern (Così, Giovanni und Figaro) entnommen. Die musikalischen Partner von Malkovich und Dapkunaite werden dabei von Bariton Florian Boesch und Sopranistin Sophie Klußmann dargestellt.

"Es ist also nicht die 140. Don Giovanni-Inszenierung", so Haselböck, "hier wird alles neu verschränkt." Auch Malkovich und Dapkunaite, die bereits beim Film In Tranzit zusammengearbeitet haben, "werden nicht geschont und müssen ein bisschen gesanglich in Erscheinung treten". Man wird sehen, jedenfalls, so Haselböck, haben sich zwei Broadway-Produzenten für die Uraufführung angesagt. Wer weiß, am Ende landet das Ganze im Zentrum des US-Musicals.

Gegen die Opernkonvention

Wenn nicht, dann hat Haselböck auch so jede Menge Casanova-Arbeit, mit der "man die Opernkonventionen etwas auf den Kopf stellen kann." Auf die fünf Abende im Ronacher folgen Aufführungen im Sydney Opera House. Später wird durch Europa getourt, danach geht es nach Nord- und Südamerika. Dabei wird Malkovich regelmäßig vom Serienliebhaber zum Serienmörder mutieren - denn neben dem neuen Giacomo-Stück wird fast immer auch die alte Infernal Comedy gespielt. Da könnte man glatt vergessen, dass Haselböck ein historisch versierter Musiktüftler ist, der nun im Liszt-Jahr in Raiding alle Orchesterwerke von Liszt dirigiert. Original, soweit das eben geht. Aber immerhin: Es kommen Instrumente zum Einsatz, die Liszt selbst noch gehört hat. Das verspricht doch interessante Klangeinsichten für einen unterschätzten Komponisten. "Diese Musik ist nicht immer genial, aber immer genialisch", so Haselböck, der auch beim kommenden Osterklang Liszt dirigieren wird.

Ebendort, im Theater an der Wien, würde er natürlich gerne eine szenische Opernproduktion machen. Hat sich bisher noch nicht ergeben, und Haselböck wird es wohl verschmerzen. Zu Wien fällt ihm zwar der Satz ein: "Die Stadt ist ein toller Platz zum Leben, für manche aber ein fürchterlicher Platz, um zu überleben." Allzu autobiografisch soll man das jedoch nicht auslegen. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5. 1. 2011)

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    Dirigent Martin Haselböck widmet sich zurzeit Mozart und Casanova, demnächst aber auch dem Jahresregenten Franz Liszt.

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