Gewässerforschung im Zeichen der Fische

4. Jänner 2011, 17:18
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Die Wasserqualität heimischer Bäche und Flüsse ist vergleichsweise gut - Ihr ökologischer Gesamtzustand lässt aber weiter zu wünschen übrig

Forscher der Uni für Bodenkultur wollen ihn nun untersuchen und verbessern.

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Es gab Zeiten, da hatten Flüsse wie die Mur, an denen eine Papierfabrik stand, jeden Tag eine andere Farbe. Diese zweifelhafte Pracht gehört glücklicherweise der Vergangenheit an, doch die "Funktionsfähigkeit" von Flüssen hängt von viel mehr Faktoren ab als nur von der Qualität ihres Wassers.

Seit dem Jahr 2000 ist in der EU die sogenannte Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) in Kraft. Was wie die staatliche Vermessung von Staubecken klingt, bedeutete in Wirklichkeit einen bemerkenswerten Durchbruch in der Betrachtungsweise von Gewässern.

Bis dahin ging es nämlich bei deren Schutz nur um die Reinhaltung des Wassers, doch mit der WRRL wurde erstmals die tatsächliche Komplexität von Gewässern berücksichtigt. So schreibt die Richtlinie vor, dass alle EU-Gewässer bis zum Jahr 2015 einen "guten ökologischen Zustand" aufweisen müssen.

Der wünschenswerte Status

Auch das ist lebensnäher, als es klingt: Dieser wünschenswerte Status ist nämlich definiert als einer, der von einem "sehr guten" - also einem vom Menschen unbeeinflussten - Zustand nur geringfügig abweicht, wobei vor allem die vorhandene Vielfalt an Pflanzen und Tieren bewertet wird.

Was die Wasserqualität angeht, können sich die meisten österreichischen Gewässer heutzutage durchaus sehen lassen: Rund 80 Prozent entsprechen dem "guten Zustand" . Weit weniger berauschend steht es allerdings um den ökologischen Gesamtzustand unserer Flüsse: Mehr als die Hälfte davon sind in ihrem Erscheinungsbild deutlich beeinträchtigt, wobei besonders Kraftwerks- und Hochwasserschutzbauten eine Rolle spielen.

An der Wiener Universität für Bodenkultur bemühen sich Forscher um die Aufklärung der entsprechenden Zusammenhänge. Untersucht werden in diesem Zusammenhang vor allem die aquatischen Lebensgemeinschaften, wobei Fische naturgemäß eine besondere Rolle spielen.

Fische sind in dieser Hinsicht höchst praktisch. Nicht nur sind sie in fast allen Gewässern vorhanden und relativ leicht zu fangen; sie besetzen auch jede Menge Habitate und Nahrungsebenen, spiegeln Stress in Form von vermindertem Wachstum und verringertem Nachwuchs wider. Zudem wandern sie häufig in den Gewässern und sind verhältnismäßig langlebig - lauter Eigenschaften, die sie zu hervorragenden Bioindikatoren machen, also zu Organismen, an denen sich Beeinträchtigungen eines Lebensraumes quasi stellvertretend für zahlreiche andere erkennen lassen. Dazu kommt, dass viele Arten wirtschaftliche Bedeutung haben, weshalb ihre Lebensansprüche schon seit langem bekannt sind.

In den vergangenen Jahren wurde daher in einer Zusammenarbeit von 16 EU-Ländern der Europäische Fisch-Index (EFI+) erstellt, mit dessen Hilfe der ökologische Zustand von Flüssen anhand ihres Fischbestands beurteilt werden kann. Was bis jetzt aber noch kaum berücksichtigt wurde, sind die Auswirkungen, welche die umgebende Landschaft auf das jeweilige Fließgewässer und seine Artenzusammensetzung hat.

Stefan Schmutz vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement an der Wiener Universität für Bodenkultur, und seine Mitarbeiter Rafaela Schinegger und Clemens Trautwein, die schon am Europäischen Fisch-Index-Projekt beteiligt waren, gehen diesen Zusammenhängen nun mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF nach. "Bisher hat man meist kleinräumig die Fischfauna erhoben und geschaut, welchen Einfluss etwa ein Kraftwerk oder eine Staumauer darauf hat" , erklärt Trautwein. "Dafür ist jedoch viel Freilandarbeit nötig, und man weiß trotzdem nur über einen verhältnismäßig kleinen Abschnitt Bescheid."

Das soll sich mit dem neuen, großräumigen Ansatz, der eine Ergänzung zu Freilanderhebungen darstellt, ändern. "Uns stehen mehr als 14.000 Datenpunkte aus 16 EU-Ländern zur Verfügung, bei denen mehr als sechs Millionen Fische erfasst wurden" , sagt Rafaela Schinegger. Diese Rohdaten wollen die Boku-Forscher mit Daten aus der jeweils umliegenden Landschaft, wie Bodenbedeckung und Landnutzung, verknüpfen.

Vom Fisch zum Fluss

Was dabei herauskommt, soll Aufschluss geben über das, was Schmutz und seine Gruppe "Landschafts-Belastungs-Fisch-Kaskaden" nennen, also das Wirkungsgefüge zwischen Art und Nutzung der jeweiligen Flusslandschaft, der Belastung, die davon auf das Gewässer ausgeht, und dem Niederschlag, den diese Belastung in der Zusammensetzung der Fischpopulation findet.

Zum Beispiel führt intensive Landwirtschaft in der Flusslandschaft zur Erosion und zum Eintrag von Feinsedimenten in Flüsse. Diese bedingen eine "Versandung" der Gewässersohle, was wiederum das Laichen der Fische behindert und somit die Fischbestände beeinträchtigt.

Letztendlich geht es darum, herauszufinden, wie die Landschaft entlang eines Flusses und deren Nutzung aussehen müssten, damit das Gewässer seine natürlichen Fischgemeinschaften hätte. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 05.01.2011)

 

  • Huchen-Paar beim Ablaichen in einem österreichischen Voralpenfluss: Als Bioindikatoren helfen sie Wissenschaftern bei der Bestimmung der Wasserqualität.
    foto: c. ratschan

    Huchen-Paar beim Ablaichen in einem österreichischen Voralpenfluss: Als Bioindikatoren helfen sie Wissenschaftern bei der Bestimmung der Wasserqualität.

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